Freitag, 6. juni 2008

Das ist ein schönes, deutsches Wort, so schön, dass man es nicht einmal ins Französische übersetzen kann. »Proprement dit« ... nein, »eigentlich« ist überhaupt kein Wort. Das ist eine Lebensauffassung.

Da leben die Leute in ihren Vierzimmerwohnungen und verdienen elfhundertundsiebenunddreißig Mark im Monat, und haben eine Frau und zwei Kinder (oder umgekehrt), und fahren jeden Tag mit der Untergrundbahn ... aber »eigentlich« sind sie ganz etwas anders. Dichter zum Beispiel, für die das äußere Leben nur provisorisch vorhanden ist, bis sie eines Tages einsehen, dass dieses Provisorium alles war, und dass nichts mehr danach kommt ... und Prominente sind sie in irgendeiner Kunst, Beamte, Politiker; sie gehen, nennt man das, in ihrem Beruf auf – kurz: »eigentlich« sind sie alle ganz etwas anders. Man sieht es ihnen gar nicht an, das Eigentliche.

Es wimmelt von verkappten Königen, die inkognito leben. Vielleicht braucht jeder diesen kleinen Privatstolz, sonst könnte er es ja wohl nicht durchstehen; vielleicht muß diese Bezugnahme auf einen tieferen, oft nur vermeintlichen Wert dasein, man könnte sonst nicht leben. Es gibt so viel Verhinderte ...

Da sind die »Nur-Journalisten«, die »eigentlich« Dichter sind, so große lyrische Dichter, dass Stefan George von Glück sagen kann; »eigentliche« Musiker gibt es zu Hunderttausenden, es ist ein Glück, dass uns die meisten erspart bleiben. Es kommt aber, wenns soweit ist, gar nicht auf das Eigentliche an.

»Eigentlich« haben die Richter ihn freisprechen wollen, aber dann haben sie ihn doch verurteilt ... und nun sitzt er im Gefängnis und kann mit dem Eigentlichen nicht viel beginnen. »Eigentlich« sollte er Privatdozent werden, aber er ist dann doch in die Industrie gegangen. Eigentlich bin ich ja ein Freidenker, aber wenn meine Schwiegermutter will, dass wir uns kirchlich trauen lassen ... ? Eigentlich müßte man sich diesen Wucher nicht gefallen lassen, aber wir zahlen dann doch.

Und eigentlich sind wir ja dem Arbeitgeber, der uns bedrückt, tausendfach überlegen, und wir spotten seiner und sind so feine Herren ... Und eigentlich sind wir überhaupt ganz anders, als man glauben könnte, wenn man uns so leben sieht. Wonach es aber nicht geht.

Sondern es geht nach dem Erfolg und nach der Wirklichkeit. Und es ist ein schöner und gefährlicher deutscher Traum, die Realität zu ignorieren, und im Wunschland zu leben, wo es nichts kostet und wo alles glatt und hemmungsfrei zugeht. So fliehen sie – und bleiben auf derselben Stelle.

Und so leben eigentlich viele Leute mit dem Kopf in den höheren Schichten und spielen sich ein Dasein vor, das sie gar nicht führen, obgleich sie es führen – und eigentlich sind sie auch gar keine mondänen Sportsleute, sondern geborener Mittelstand, der aus den Pantinen gekippt ist. Es gibt ein Ding, das es deutlicher zeigt als alles andere: das ist die Fassadenarchitektur, die nicht immer klassizistisch oder barock sein muß – falsche Intimität, falscher Reichtum und falsches Silber tuns auch. Ja, es gibt sogar falsche Ornamentlosigkeit ...

Ein merkwürdiges Wechselspiel: mal ist das zugrunde liegende »Eigentliche« unwahr, und mal stimmt die Oberfläche nicht ... Weil aber keiner ganz er selber ist, so bleibt immer ein kleines »Eigentlich« übrig, auf das er sich, bei Bedarf, zurückziehen kann. Denn was wollen sie eigentlich alle –? Proprement dit: das Glück.

 

von Kurt Tucholsky, 1928


von Martha Sommerfeld veröffentlicht in: Lerne Lachen ohne zu weinen
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Dienstag, 26. februar 2008
 
Es wird nach einem happy end
im Film jewöhnlich abjeblendt.
    Man sieht bloß noch in ihre Lippen
    den Helden seinen Schnurrbart stippen -
    da hat sie nun den Schentelmen.
    Na,und denn-?


Denn jehn die beeden brav ins Bett
Naja.....diss is ja auch janz nett.
    A manchmal möchte man doch jern wissen:
    Wat tun se, wenn se sich nich kissen?
    Die könn ja doch nich immer penn.....!
    
Na, und denn-?

Denn säuselt im Kamin der Wind.
Denn kricht det junge Paar 'n Kind.
    Denn kocht se Milch. Die Milch looft üba.
    Denn macht er Krach. Denn weent sie drüba.
    Denn wolln sich beede jänzlich trenn...

    Na, und denn-?

Denn is det Kind nich uffn Damm.
Denn bleihm die beeden doch zesamm.
    Denn quäln se sich noch manche Jahre.
    Er will noch wat mit blonde Haare:
    vorn doof und hinten minorenn....
   
Na, und denn-?

Denn sind se alt.
Der Sohn haut ab.
    Der Olle macht nu ooch bald schlapp.
    Vajessen Kuß und Schnurrbartzeit -
    Ach, Menschenskind,wie liecht det weit!
    Wie der noch scharf uff Muttern war,
    det is schon beinah nich mehr wahr!
    Der olle Mann denkt so zurück:
    wat hat er nu von seinen Jlück?
    Die Ehe war zum jrößten Teile
    vabrühte Milch und Langeweile.
Und darum wird beim happy end
im Film jewöhnlich abjeblendt.


Kurt Tucholsky, 1931
von Martha Sommerfeld veröffentlicht in: Lerne Lachen ohne zu weinen Community: Gedichte
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Samstag, 2. februar 2008
Wenn Du zur Arbeit gehtst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? vielleicht dein Lebensglück...
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast's gefunden,
nur für Sekunden...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück...
Vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Er sieht hinüber
und zieht vorüber ...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

(Kurt Tucholsky)

von Martha Sommerfeld veröffentlicht in: Lerne Lachen ohne zu weinen Community: Gedichte
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Samstag, 19. januar 2008

"Jetzt? Jetzt kommen Sie hier in Frankfurt an mit Ihren Ostereiern? Sagen Sie mal ... "
"Ich bitte um Verzeihung, Sie meinen, es sei zu spät ... ?"

"Lieber Herr ... wie war der werte Name? Lieber Herr, was denken Sie sich eigentlich? Sollen wir vielleicht unseren Lesern kurz vor Pfingsten etwas von Ostern erzählen? Was für eine Vorstellung haben Sie vom Betriebe einer großen Zeitung? Nehmen Sie Ihre Eier wieder mit. Für uns sind Sie erledigt. Aus und vorbei, Ostereier vierzehn Tage nach Ostern! Machen Sie das immer so?"
"Ja." Der geflügelte Bote legte die bunten Eier sorgfältig auf die Schreibtischplatte des Redakteurs, schüttelte die bestaubten Flügel und schwieg. Dann sagte er: "Ich bin der Mann, der zu spät kommt. Ich komme immer zu spät."

Der Redakteur streifte die Asche seiner Zigarette in den Aschenbecher, denn es war kurz nach den Feiertagen, und die Zimmer waren schön sauber, daher tat er es. "Sie kommen – Sie kommen immer zu spät?" sagte er.
"Ich komme immer zu spät", sagte der Mann schlicht.
"Und wie wirkt sich das in Ihrem Leben aus?" fragte der Redakteur mit mitleidigem Blick.

"Das sieht so aus", sagte der Mann. "Ich bin das Ding, das immer zu spät kommt. Ich komme als Kind ziemlich abgehetzt, atemlos zur Schule, wenn sich die letzte Klassentür unerbittlich geschlossen hat – ich komme ängstlich trippelnd an, klopfe schüchtern und werde mit einem Donnerwetter begrüßt; ich komme ins medizinische Staatsexamen manchmal ein ganzes Jahr zu spät und ich habe meine Zeit verloren: ich bringe dem Polizeibeamten die Erleuchtung wegen des letzten großen Verbrechens, aber erst dann, wenn der Täter längst über den großen Teich gefahren ist und in Kanada Birnen pflanzt; ich weiß die allerbeste, die allertreffendste Antwort, die man dem frechen Patron von der Konkurrenz  zu geben hat – aber erst dann, wenn der schon weg ist; ich lasse den Lotteriezettel mit dem großen Los in das Haus der armen Frau flattern, aber sie ist schon tot, und ihre grinsenden Erben freuen sich ein Loch in den Kopf; ich bereue, was ich dem armen Mädchen angetan habe, die mir ihr Leben gegeben hat und ihre Liebe – aber sie ist schon fort, mit einem anderen verheiratet, nicht sehr gut übrigens, – zu spät, zu spät; ich entwerfe einen herrlichen Lebensplan, ich weiß genau, wie man es anfangen muß, um Zeit, Geld und Kräfte zu sparen; aber das weiß ich erst, wenn ich ein alter Mann bin, und dann nützt es mir nichts mehr – zu spät; – alle Eisenbahnzüge fahren mir vor der Nase weg; ich verpasse Revolutionen und Ordenausteilungen; ich hätte damals Terrains kaufen sollen, aber ich bin zu spät gekommen; ich habe den psychologischen Augenblick nicht benützt, um Lisa zu küssen, es ist zu spät; ich habe die aktuelle Zeitschrift nicht begründet, und als noch niemand nach Mexiko fuhr, bin ich nicht hingefahren, und jetzt ist es zu spät. Überall komme ich an, wenn alles vorbei ist; ich bin der Mann, der zu spät kommt – und hier, Herr Redakteur, sind meine Ostereier."

Der Redakteur warf in jähem Entschluß seine ausgerauchte Zigarette auf den Fußboden. Er sah seinen Besucher fest an und sprach, jedes Wort betonend: "Sie – sind – ein – Schlemihl."
Der geflügelte Bote erhob sich langsam und wollte die Ostereier ergreifen, die hier offenbar nicht benötigt wurden; er machte eine ungeschickte Bewegung, sie kollerten langsam zu Boden und zerbrachen.

"Man sagt", sprach er leise, "dass der Schlemihl keinen Schatten habe. Ich habe viele Schatten – viele Menschen sind meine Schatten."
"Ostereier zu Pfingsten", grollte der Redakteur dumpf. "Wie ich Ihnen sage: Sie brauchen nicht mehr wiederzukommen – stellen Sie die Lieferung an uns ein. Ich brauche Sie nicht mehr. Guten Tag."
Der Bote stand schon an der Tür, wandte sich noch einmal halb um und wiederholte mechanisch: "Guten Tag."

"Wie war doch Ihr Name?" fragte der Redakteur. Der Bote hatte schon die Klinke in der Hand, er verharrte noch einen Augenblick und ließ seine Augen über die zerbrochenen Ostereier gehen. "Ich heiße Glück ... «" sagte er.


- Aus: "Lerne Lachen ohne zu weinen" von Kurt Tucholsky  (1928) -

von Martha Sommerfeld veröffentlicht in: Lerne Lachen ohne zu weinen
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Samstag, 19. januar 2008
Als Kind - so um 95 rum  -
da war ich bei Tante Jenny
zur Kindergesellschaft eingeladen,
mit  Fritz und Ellen und Männi.
                                   Ja.
Und da hats Sahnenbaisers gegeben.
Jeder hat eins bekommen;
und dann wurde nochmal rumgereicht -
und ich hab keins mehr genommen!
        Das hat mich noch jahrelang geplagt...!
        Ich hätte sollen ... und hab Nein gesagt.


Da hab ich noch eine Braut zu stehn
in Neu-Globsow - die Dame hieß Kätchen;
irgendwas war da ... die hat so geguckt ...
doch ich hatte genug der Mädchen.
                                    Ja.
Und dann hatt sie mir noch mal geschrieben,
Briefe? Wie? Ist das schön?
Und dann war ich zu faul, und Neu-Globsow ist weit,
und jetzt möchte ich sie wiedersehn.
        Wie mich das in leeren Nächten plagt ...
        Ich hätte sollen ... und hab Nein gesagt.


Da stand ich vor Jahren in Moabit
vor einem Talar, den das freute;
er redete, redete, quatschte und schrie
und redet gewiß noch heute.
                                    Ja.
Und aus einem hier nicht zu erzählenden Grund
hielt ich die ganze Zeit meinen Mund.
Ich mußte. Ich habe nichts gesagt.
Aber das hat mich noch oft geplagt!
        Mit dem Jungen tret ich gern noch mal an -
        nur ein einziges Mal!
                                                aber dann - aber dann -


Ist gar nicht wahr.
                                Wenn heut Kätchen da steht,
das Baiser und der Kerl aus Moabit  -:
es ist ja leider alles zu spät!
Es ist immer das gleiche Lied:
        Wenn wir was brauchen, dann haben wirs nicht;
        und wenn wir es kriegen, dann wollen wirs nicht.
        Lieber Gott! sei doch nur einmal gescheit
        und gib uns die Dinge zu ihrer Zeit - !
                                        Amen.



                                - Kurt Tucholsky -

von Martha Sommerfeld veröffentlicht in: Lerne Lachen ohne zu weinen Community: Gedichte
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