Mittwoch, 16. juli 2008
Eines schönen Sommerabends war sie mit Carmen zum Essen verabredet gewesen. Robert wollte mit ein paar Freunden wegfahren und sie hatte keine Argumente dagegen zu setzen gewusst, die ihn von seinem Vorhaben abbringen konnten. Also hatte auch sie versucht, das Risiko auszublenden und sich stattdessen auf den Abend mit Carmen gefreut.
Doch als sie dann am Gartentor stand und er sie während seiner  Vorbereitungen kaum eines Blickes würdigte, wusste sie, dass, würde er heute gehen, sie ebenso aufbrechen würde – nur dem emotionalen Ende entgegen, an dem er scheinbar schon war. Als er wieder einmal an ihr vorbei schob, als ob sie Luft wäre, griff sie nach seinem Arm: „Bitte fahr' nicht!“ Doch er wandte den Blick ab und zog den Ellenbogen hoch, um sich zu lösen.
„Komm lass, Meta. Was soll das jetzt? Du wolltest nicht mit und ich werde fahren.“
„Robert, bitte, Du weißt genau, dass das Blödsinn ist. Wir können uns diesen Luxus im Moment nicht leisten; Dein Einsatz belastet unser Budget schon mehr als genug. Aber okay, sagen wir: das ist nur Geld. Aber denkst Du manchmal wenigstens einen Moment daran, was ist, wenn Dir was passiert?“
„Nein, was soll mir denn passieren? Ich fahre seit 25 Jahren und bisher bin ich immer noch heil zurück gekommen!“
„Du leidest vollkommen an Selbstüberschätzung, weißt Du das eigentlich? Stell mich hier nicht wie eine histerische Ziege hin...“ Sie holte Luft, weil sie am Liebsten vor Wut geplatzt wäre.
„Dann benimm Dich auch nicht so. Und außerdem ist hier niemand, vor dem ich Dich hinstellen kann."
Sticheleien dieser Art war sie - markarbererweise - inzwischen gewöhnt aber sie wusste, dass sie nur dann eine minimale Chance hatte, an ihn heran zu kommen, ihn aus der Reserve zu locken, wenn sie diesen Schmerz ignorierte. Sie hatte auch nicht wirklich einen Plan, was sie tun wollte, wenn er tatsächlich nicht führe. Sie folgte einem Gefühl und sie hoffte, dass es ihn erreichte.
„Robert, Du bist nicht versichert und Du fährst Rennen. Das ist doch nicht normal... Du bist ein erwachsener Mann von Mitte Vierzig, Du hast uns und wenn das schon nichts zählt, eine Firma, Kunden - alles Menschen, die Dir zutrauen, dass Du so alt bist, wie Du Dich Ihnen präsentierst. Wo ist der Mann geblieben, den ich mal kennen gelernt habe? Das hier ist nicht hipp, das ist Wahnsinn!“
„Meta, bitte, was soll das jetzt?“
„Wir täten gut daran, dieses Wochenende mal für uns zu nutzen. Soviel haben wir davon nicht.“
„Du wusstest, dass ich heute fahren werde. Also bitte mach mir jetzt keine Szene. All die Abende hast Du nichts gesagt. Du erwartest nicht wirklich, dass ich nicht fahre, oder?“
„Du sitzt nächtlelang, ach was – nur noch – vor Deinem dämlichen Bildschirm und trainierst mit allem was virtuelle Räder hat. Wann soll ich da mit Dir reden?“
„Beim Abendbrot zum Beispiel. Oder wenn Du mal nicht mit Deinen Freundinnen abhängst.“
„Du bist doch wohl total wirr. Als ob ich sieben Tage in der Woche mit irgendwelchen Leuten abhänge. Meistens hänge ich im Büro ab. In welcher Welt lebst Du denn? Ich gehe gegenwärtig nicht mal mehr zum Sport. Bekommst Du überhaupt noch was von unserem Leben mit?“
Er beendete das Gespräch, in dem er nun gar nichts mehr sagte. Unbeirrt fuhr er fort, die Kleidung zu richten. Dann griff er zum Helm und streifte ihn gelassen über. Es bollerte laut in den frühen Morgen, als er sein Motorrad startete. Völlig mechanisch wendete er im Hof, sah sie im Vorbeifahren an und winkte ihr zu, wie man einem Bekannten winkt, den man zufällig auf der Straße trifft. Sie stand fassungslos da und wartete, bis sie ihn nicht mehr hörte. Kurzentschlossen zog sie sich Trainingssachen an, schnappte sich Lizzy und joggte los. Egal, ob es unvernünftig wegen ihrer momentanen Fitness war. Sie brauchte Wald, viel Wald, in dem sie ihre hilflosen Schreie versenken konnte, bevor der Ort zum Leben erwachte. Viel Zeit blieb ohnehin nicht mehr...
von Martha Sommerfeld veröffentlicht in: Schwarze Schafe
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Montag, 16. juni 2008
Er verweilte noch einen Moment, als eine alte Frau seinen Weg kreuzte: "Junger Mann, können sie mir kurz mit den Taschen helfen? Bitte?!"
'Na das nenn ich Gegensätze', dachte er und lachte.
"Klar doch!", hörte er sich antworten und sprang zu ihr herüber, irgendwie froh, etwas tun zu können. Er verlud die Taschen in eine alte Limousine: "Darf ich fragen, wohin die Reise geht?" Ihre Augen strahlten eine Wärme aus, die er nie zuvor gesehen hatte, die ihn aber auf wundersame Weise an seine Großmutter erinnerten.
"Sie sind noch nicht sehr lange hier, nicht wahr, mein Sohn?"
 "Nein. Ich glaube ich bin gestern hier gelandet."
"Achja! Gestern also!"
Sie lächelte milde, scheinbar wissend,  "...sie werden hier Antworten finden, suchen sie sie nicht!"
Verwundert sah er die Alte an. 'Woher weiß sie, was ich denke?' und er steuerte gegen: "Aber wovon soll ich hier leben? Ich bin Seemann, wissen Sie. Aber ich habe mein Schiff verloren.  Ich weiß noch nicht genau, wie, aber ich nehme an, ich habe Schiffbruch erlitten.  Und etwas anderes als Handel betreiben, kann ich nicht."
"Das können Sie ganz sicher, junger Mann!"
Ihr Blick wandte sich ab und richtete sich nun an den Chauffeur, dem sie mit einem Zwinkern bedeutete, ohne sie loszufahren.
"Wie, wissen Sie, wo mein Schiff ist?"
Sie blieb stehen und musterte ihn mit herzlichem Blick. "Kommen Sie, wir gehen ein Stück gemeinsam."

Er verstaute den Pensionsschlüssel in seiner Hosentasche. Jo war nicht sicher, was hier geschah, aber für einen Traum war es eindeutig zu lange. Er bot der alten Dame seinen Arm an und spürte schon wieder ihren forschenden Blick, so als ob sie überlegte, wie viel sie ihm anvertrauen durfte.
"Sagen Sie mir eins", schoss er los. "Bin ich tot?"
"Fühlst du dich denn so, mein Sohn?"
"Nein, eigentlich nicht", murmelte er, "aber es ist alles so ungewöhnlich hier. Ich bin ein sehr bodenständiger Mensch, wissen Sie. Ich kenne viele Orte, aber so unsicher habe ich mich noch nie gefühlt.  Und irgendwie scheinen hier alle Menschen auch ganz herzlich zu sein; aber wo ich hier bin, wovon ich leben kann,  weshalb ich hier bin, das sagt mir niemand."
"Das ist so sicher nicht ganz richtig."
Er sah sie an. "Sie meinen…?"
Plump überwand er seine Scheu darüber zu sprechen.
"Richtig! Wir alle kamen so."
"... die Eule?!", hörte er sich den Satz beenden.
Sie lachte. "Ja,... vielleicht war es eine Eule- vielleicht ein Drachen, ein Bild, ein Stern..."
"Ich kam gestern. Also ich vermute, dass  es gestern war, mit ihr, dieser Eule, hierher. Aber nun ist sie fort."
Er ahnte seine Chance auf eine Antwort und er wollte sie. Schließlich überwand er seine ganze Benommenheit. Wahrscheinlich würde er diese alte Dame nie wieder sehen, was also tat es zur Sache, ob er sich ihr gegenüber öffnete.
"Das ist sie ganz sicher nicht, mein Sohn. Sie hat dich gefunden und sie ist dir nahe, da bin ich sicher."
"Aber warum kann ich sie nicht sehen, warum bekomme ich keine Antworten auf meine Fragen? Was tue ich hier? Warum will ich nicht weg und fühle mich aber doch so unsicher?"
"Wenn dein Weg sich gabelt, weiß dein Herz die Richtung. Danach leben alle hier. Frage nie warum? Es gibt keine Antwort. Die Antworten auf all deine Fragen sind in dir. Die Antwort bist du!"

Scheinbar aus dem Nichts hielt vor ihnen ein Auto. Es war dasselbe, in welchem er die Taschen verstaut hatte. 'Warum hat das eigentlich nicht der Chauffeur getan?'. Grübelnd sah er der alten Dame beim Einsteigen zu und so unmerklich, wie sie gekommen war, war sie auch wieder verschwunden.
Die Hände tief in seinen Taschen vergrabend, senkte er den Blick und trottete den Weg allein zurück. '...die Antwort bist du!'  Er verspürte den Wunsch, aufwachen zu wollen!

Ziellos lief er die Straßen entlang und landete schließlich an einer kleinen Bucht, wo er sich niederließ und auf die Wellen starrte. Der erste Rausch war verflogen. Und nun? 'Wie spät ist es wohl?' Er verspürte eine starke Sehnsucht nach seinem Schiff, seinem Gefolge,  seinem vertrauten Tagesablauf. Das Wasser umspülte seine Füße und Stimmen drangen aus der Ferne an sein Ohr. Er schlief ein...

Ein lautes Hämmern riss ihn jäh aus seinem Schlaf. Wo kam das her? Um ihn herum war es dunkel und ein leichtes Schaukeln bewegte seine Umgebung. "Käpt’n, Sir? Darf ich eintreten?"

pock pock pock

"Ja, Anton. Treten Sie nur ein.", hallte seine Stimme durch die Kajüte.
Jo lag auf seinem Bett und vor seinem Fenster flog der Himmel vorbei. Benommen richtete er sich auf. 'Was für ein merkwürdiger Traum...' Schlaff lagen seine Arme auf der Bettdecke, als Anton eintrat.
"Sir, fühlen Sie sich nicht wohl, Sir?", eröffnete der Erste Offizier das Gespräch.
"Anton, wie lange kennen uns?"
"Sir, fast auf den Tag genau sind es nun gleich acht Jahre, Sir."
"Wie spät ist es?", fragte er betonungslos. 'Was ist denn mit mir los?'
In diesem Moment machte sich ein mulmiges Gefühl in seiner Magenhöhle breit. 'Wie lange habe ich geschlafen?' "Welchen Tag haben wir, Anton?"  Er stellte die Frage, ohne die erste Antwort abzuwarten. "Es ist Montag, Sir und die Mannschaft ist versammelt zum Morgenappell. Ist alles in Ordnung, Sir?"
Jo blickte ihn mit müden Augen an. "Anton, es ist schön Sie zu sehen. Bitte übernehmen Sie heute den Appell. Ich muss wohl gestern etwas Falsches gegessen haben, mir geht es nicht so gut heute."
"Jawohl Sir, gute Besserung, Sir."
Anton schickte sich an abzudrehen. In all den Jahren war dies der erste Tag, an dem ihm sein Chef so begegnete.
"Anton!"
Jo blickte ihn hilflos an. "Darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen?"
Anton wusste nun, dass dies kein gewöhnlicher Tag war. "Gern Sir."
"Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?"
"Gestern morgen, Sir"
"Danke, Anton!"

Erleichtert ging er auf’s Deck und atmete tief die frische Seeluft ein. Was für ein Traum!
Wie befreit streckte er die Arme in die Luft, gähnte ausgiebig und schickte sich an,  die Arbeit aufzunehmen, als ihm plötzlich ein süßlicher Duft in die Nase krabbelte. Er drehte sich um. 'Die Insel!' schoss es ihm durch den Kopf. 'Nein, nein, nein!' Lachend schüttelte er den Kopf. "Jetzt ist es genug!"  Er ließ seinen Blick beim Zurückgehen noch einmal schweifen und erstarrte wie gebannt in seiner Bewegung. Neben ihm stand der Lehnstuhl und auf ihm saß die Eule, die ihn gestern entführt hatte...  Ein warmes Glücksgefühl durchzuckte ihn. Am liebsten hätte er sie gestreichelt, tat es aber nicht. "Soso, du bist also immer in meiner Nähe!", hauchte er und dachte an die Worte alte Dame in seinem Traum. Heute scheinen sich Traum und Wirklichkeit zu vermengen. 'Auch gut!', huschte es durch seine Gedanken und ein Grinsen überzog sein Gesicht.  "Das kann ja was geben!"

Entspannt atmete er noch einmal tief durch, fühlte sich mit einem Mal unerklärlich gut ausgeruht und voller Energie, als er die Hände in den Hosentaschen versenkte, um den Weg zur Brücke anzutreten. Und abermals hielt er inne. In seiner Hand fühlte er die Schlüssel. Er umklammerte sie und ihm war, als hörte er ihre Stimme in der Ferne. Ein dumpfes Poltern riss ihn aus seinen Erinnerungen und er spürte  eine raue Zunge an seinem Unterarm. Etwas Warmes drückte sich gegen ihn… Ist das ein Hund? Er fühlte deutlich das Fell an den Fingern. 'Wo kommt denn auf einmal ein Hund her?' Eine feuchte Nasenspitze stupste gegen sein Gesicht. Er drehte sich um...

Und Meta öffnete die Augen. Neben ihr saß ihre haarige Freundin Lizzy. Auf ihrer nächtlichen Tour hatte sie sie natürlich gefunden. Schlaftrunken umklammerte sie das Tier und einige Zeit verging, bevor sie aufstand. Die Dunkelheit verschluckte den Klang ihrer Schritte. Matt schimmerte das Licht aus Roberts Büro. Sie lehnte sich an die Wand der Garage und beobachtete fassungslos sein Treiben.  Es war ein Uhr nachts und sie war müde. Robert  unterbrach sein Spiel nicht, als sie sich verabschiedete. „Machst du noch lange?“, fragte sie kraftlos. Er raunte nur:  „Nein, nein...“, während er weiter mit einem virtuellen Gefährt über den Bildschirm raste, „ist aber das letzte Rennen für heute. Ich komme auch gleich.“ Sie drückte ihm ihre Wange an seine, zog die Hand von seiner Schulter und ging nach oben. Lizzy trottete ihr hinterher.
von Martha Sommerfeld veröffentlicht in: Schwarze Schafe
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Sonntag, 15. juni 2008
Jo erwachte von dem sandigen Gefühl zwischen den Fingern. Er setze sich auf und versuchte sich zu orientieren. Sie Sonne schien herzlich auf ihn herab. Rhythmische Klänge drangen aus der Ferne an sein Ohr. Es war Musik, die er kannte.  Doch als er sich umsah, prägten Sand, Steine, und angespülte Muscheln seine Umgebung.
'Woher kommt die Musik? Gab es gestern noch Sturm? Nein, es war doch ein sehr ruhiger, sonniger Tag gewesen?...' Er stand auf und klopfte sich den Sand aus den Sachen. In seinem Kragen fand er eine weiche, helle Feder, bestaunte sie unsicher und vergrub sie in seiner Hosentasche. 'Die Eule! Richtig, da war diese kleine Eule...' Nach Erinnerungen suchend stapfte er ziellos durch den Sand am Ufer entlang.Motorisch zog es ihn weiter der Musik entgegen.
Ihn überkam ein Schmunzeln, 'Ich träume, das ist sicher, aber diese Art von Traum ist abgefahren, Neu!'
Er ertappte sich dabei, nicht aufwachen zu wollen und trottete weiter durch den Sand, immer weiter einer unbekannten Gesellschaft entgegen. In allen Häfen dieser Welt, war er immer vorsichtig gewesen, egal wie oft er bereits dort verhandelt hatte, egal, ob er glaubte alle Geflogenheiten zu kennen. Doch hier setzte er unbeirrt seinen Weg fort. Er wusste, dass er nichts zu befürchten hatte, aber woher er diese Sicherheit  nahm , war ihm selber unerklärlich.

Die Musik wurde lauter, ein pulsierender Rhythmus vermischte sich mit markanten Stimmen, deren Texte er nicht verstand, jedoch deren Intensität, deren Kraft in ihm die Abenteuerlust weckte. Er war gepackt vom dem Verlangen nach Freiheit.

'Funny Sunday, die Insel der sich erfüllenden Wünsche', so hatte es ihm die Eule vorgestellt und er war ihr, der Eule, aus Neugier und Zeitüberfluss gefolgt, hatte sich nicht einmal gewährt. Und nun?  Nun war er hier, in einer fremden Welt. Allein! 'Warum fühle ich mich nicht schlecht? Warum will ich gar nicht weg?'
Er ließ sich rücklings in den Sand fallen und suchte nach Steinen, um mit ihnen nach den Wellen zu werfen. Er dachte zurück an die Tage, die er so gerne verdrängte. Die Stunden vergingen. Der Tag neigte sich dem Ende und langsam versank die Sonne im endlosen Meer. Unter all dem hatte er noch nicht einmal Hunger, aber er verspürte Durst. Der Wunsch nach einem kalten Wasser trieb ihn auf und er beschloss, morgen einen Plan zu entwerfen, wie es hier weiter geht und so mischte sich unter die wogende Menschenmenge. Niemand schien zu bemerken, dass er fremd war. Er trank, lachte, kostete von unbekannten Speisen, tanzte, trank, ganz sicher nicht nur Wasser. Aber es beglückte ihn, trug ihn - hinaus in die Nacht...

Benommen vom Trubel der Ereignisse kam er zu sich. Er massierte seinen Nacken, streckte die Glieder. 'Welch Rausch das hier auch ist, er hat es in sich.' Die Sonne stieg über den Horizont und ließ die Stände, die ihn gestern so schillernd verführt hatten,  in einem viel schlichteren Kleid erscheinen. Doch sie waren noch immer schön. Das Leben schlief. Der Boden war hart und eine leichte Brise zog über das Land.

'Ich brauche ein Hotel oder was immer es hier gibt!' Geprägt von seiner Idee durchforstete er im Morgengraun die Straßen der schlafenden Stadt. Die Luft war  durchzogen von diesem lieblichen Duft, der ihm hier ständig begegnete.!

"Mögen Sie vielleicht einen Kaffee?", fragte eine freundliche Stimme in seinen Rücken.
Er drehte sich um. "Oh, das ist sehr freundlich."
Und überrascht fügte er noch hinzu: "Sie sprechen meine Sprache?"
Sie schmunzelte, während er sich über seine spürbare Unsicherheit ärgerte. Schließlich schenkte sie ihm einen Becher ein. "Milch, Zucker?", frage sie.
"Ja gern." Er räusperte sich verlegen: "Ähm…- gern Milch, Danke!"
"Wenn sie möchten, können sie erstmal hier bleiben. Wann sind sie gelandet?"
'Gelandet!' Wie ein Messerstich bohrten sich die Erinnerungen in seine Gedanken. 'Richtig! Ich bin geflogen, diese Eule und ich... aber WANN kam ich hierher?'
Irritiert sah er sich um. Er räusperte sich erneut.
"… ja sehr gern, das ist sehr freundlich, aber ich habe nichts, ähm… um mich bei Ihnen zu revanchieren."
"Keine Sorge, das wird sich ergeben!"
Ihr Lächeln überbot den Sonnenaufgang und es war lange her, dass er einer Frau sofort so verfallen war. Seine Knie schienen zu schmelzen und mitunter spürte er das unbedingte Verlangen, besser zu schweigen, als etwas Falsches zu sagen. 'Diese Insel, wo immer ich bin, fängt an, mir richtig zu gefallen!'

Sie saßen auf dem Treppenabsatz und plauderten über Gott und die Welt. Anfangs hatte er ihr geantwortet. Je länger er jedoch neben ihr saß, desto mehr faszinierte ihn ihre Art des Plädoyers, ihre Art, über die Dinge zu philosophieren. Er versank in ihren Worten, genoss, wie sie ihre Lippen bewegte, wie sie die Sätze mit den Händen untermalte, wie sie sprach. So offen und doch überhaupt nicht aufdringlich. Plötzlich schaute sie auf die Uhr: "Oh, ist es schon so spät? Ich muss los. Kommen Sie, ich zeige Ihnen das Zimmer und wo Sie sich waschen können."
Sie standen auf und er war bemüht, die Haltung zu wahren. Das alles hier war aufregend und schön und so plötzlich beendet. Es gab so vieles, was er hätte sagen wollen und nun wusste er noch nicht einmal, wer sie war und ob er sie je wieder sehen würde. Aber er wollte den ersten Eindruck nicht mit Aufdringlichkeit beenden.

'Blöde Frage, diese Insel ist so klein, sicherlich wirst du sie wieder sehen!' hackte sein Teufelchen auf ihn ein. ‚Sie vermietet dir gerade ein Zimmer!’
'Ich würde da ja nicht so sicher sein!', hielt das Engelchen dagegen.
'OK, ich lebe noch! Soviel ist sicher! Euch zwei habe ich richtig vermisst in den letzten Stunden!' Kopfschüttelnd folgte er ihr, antwortete beiläufig, bemerkte nicht ihre amüsierten Blicke, bevor sie zum Abschied sagte: "...und das hier ist ihr Schlüssel. Der Breite ist für die Außentür, der Kleine für das Zimmer." Sie versenkte einen Hauch von Kuss an seinem Ohr und stieg in Ihren Pickup.

Verlegen rieb er sich mit der Hand am Kopf und sah ihr nach."Was muss ich zahlen, was kostet das Zimmer?!", stammelte er ihr nach, stolperte fast über die Stufen, beim Versuch ihr nachzulaufen. Doch sie fuhr los, ohne eine Antwort, wahrscheinlich ohne ihn zu hören.
von Martha Sommerfeld veröffentlicht in: Schwarze Schafe
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Samstag, 14. juni 2008
Seine frühe Kindheit verbracht er in einem kleinen Fischerdorf und er kannte wahrscheinlich alle Fischgerichte dieser Welt. An seinen Vater erinnerte er sich kaum. Er hatte, wie die meisten Männer des Dorfes, als Fischer gearbeitet. Als er fünf Jahre alt war,  griff eine große Flaute um sich. Nahezu alle Familien kämpften ums Überleben und die Fangmanöver wurden immer waghalsiger. An einem Morgen war sein Vater mit einigen Männern noch früher als sonst losgefahren, um noch weiter hinaus zu kommen. Sie ignorierten in ihrer Verzweiflung die Signale des sich ankündigenden Orkans und machten die Leinen los. Noch Tage nach dem Orkan ging er mit seiner Mutter hinunter zum Anlegeplatz und als der Winter einbrach, gab sie die Hoffnung um ihren Mann auf. Einige Jahre später hatte sie wieder geheiratet und sie zogen in die näher gelegene Hafenstadt. Mit seinem Stiefvater wurde er aber nie richtig warm; es war mehr ein Ertragen, als ein Vertragen. Dennoch verdankte er ihm einen passablen Schulabschluss und diverse Privilegien in den Ferien. Erst viel später relativierten sich für ihn die Umstände und er verstand die Entscheidung seiner Mutter, aus dem Fischerdorf fortzugehen, dass er so sehr liebte. Seine Ferien verbrachte er ausschließlich bei seinen Großeltern. Hier fing er seinen ersten Fisch und hier verliebte er sich in Gunda. Als sie ging, um zu studieren, wollte auch er nicht mehr dorthin zurück, überlegte - aber nicht sehr lange - was er tun könnte: Das Wasser hatte ihn schon immer fasziniert; Physik hatte ihn immer interessiert; Sein Vater war im Meer geblieben. Also wollte er Schiffe bauen! Große Schiffe! Sichere Schiffe! Und damit dann später Gunda erobern, seine große Liebe!

Aber in der Werft waren keine Stellen mehr frei und dieser Traum zerplatzte, wie eine Seifenblase. Kurz entschlossen heuerte er auf dem Frachter seines Stiefonkels an, um nicht betteln zu müssen. Darüber vergingen die Jahre und als dieser letztlich in den Ruhestand ging, hatte er die Geschäfte übernommen und kurzer Hand weiter geführt. Und er liebte was er tat... Er liebte es, die Basare zu durchqueren, das Werben und Heuern und Preisen, den Handel, den salzigen Geruch, der am Hafen die Luft prägte. Er liebte die sehnsüchtigen Klänge, die aus den Bars drangen, in die er selber kaum ging. Er liebte das Geklapper der Kähne, das Knarzen der Seile, das Pfeifen des Windes. Er liebte diese gesamte, verdammte Atmosphäre!

Mit den Jahren hatte er alle Meere mehrmals durchfahren, hatte viele Länder gesehen und bis heute freute er sich wie ein kleiner Junge, in fremden Häfen anzudocken. Eines Tages wollte er einen Hafen finden, an dem noch niemand war. Davon träumte er, wenn er träumte...

Seine Heimat hatte er vor Jahren das letzte Mal gesehen. Aber er tröstete sich mit den Erinnerungen. Die Marktplätze unterschieden sich zwar äußerlich, doch die  Geflogenheiten, die er aus dem heimatlichen Hafen mitgenommen hatte,  fand er an allen Orten dieser Welt: Das verzerrte Stimmengewirr im Wind, das hektische Treiben, das immergleiche Ticken,  das tief dröhnende Hupen der Schiffe, wenn sie den Hafen verließen. Der Geruch von Rauch, Fisch und Meer - das gab ihm seine Heimat. Seine Heimat war das Meer, die Häfen dieser Welt!

"Wir sind gleich da", tönte die Eule "mach dich bereit!" und riss ihn mit einem leichten Ruck aus seinen Gedanken. Er sah hinab und unter ihm bot sich ein faszinierendes Schauspiel. Voller Entzücken sah er auf  ein grün-türkieses Fleckchen Erde und ein zarter, hinreißender, eindringlicher Duft schlug ihm entgegen. Er war völlig benommen von diesem herrlichen Geruch. Er flog vorbei an weißen Stränden, durchzogen von üppiger Flora, sah Delphine in den Wellen spielen und am Ufer Farben funkeln, die er noch nie zuvor so gesehen hatte. 'Was ist das hier, wenn es kein Traum ist?' Er schüttelte den Kopf, als wolle er zur Besinnung kommen. Als er die Augen wieder öffnete, zog er in Kreisen weiter und weiter von dieser Insel fort - höher und höher und höher – gleichmäßig wie in einer Spirale.
"Hey, was ist los? Ich denke, wir landen?!", hörte er sich rufen. Doch die Eule antwortete ihm nicht. Sie war beim Anflug in eine Thermik geraten, breitete nur die Flügel aus und ließ sich langsam treiben, gefangen im Sog eines Luftstroms stiegen sie Meter um Meter, getragen vom Gefühl der Schwerelosigkeit,weiter hinauf, dem Rausch folgend und sie nahm ihn, Sir Käpt’n Jo, einfach mit... Er wollte sich gerade empören, doch dann ließ er sich fallen.  Die Insel unter ihm wurde kleiner, sein Blick verirrte  sich wieder in dem Blau des Ozeans und er fühlte sich frei, benommen von einem unbekannten Gefühl des Glücks ergab er sich dem Schicksal. Und er lachte schon wieder. Er jubelte, ja er schrie geradezu. Das gurgelnde Gefühl in seinem Bauch hämmerte ununterbrochen in ihm.
"Aaaaaaaaaaaaaaaaaaah...!"

Er ließ die Füße fallen, hielt sich mit den Händen am Revers seiner Jacke fest und senkte seinen Kopf weit nach hinten. Über sich sah er die Eule, die völlig lautlos ihren Flug genoss. Er gab es auf, darüber nachzudenken, was hier eigentlich geschah. Er gluckste vor Amüsiertheit, fühlte wie der Wind unter ihm seine Beine verwirbelte, fühlte ein Kitzeln und Krabbeln am ganzen Körper. Er dachte nicht mehr daran, wieso er erlebte, was er erlebte. Selbst an die Eule dachte er nicht mehr. Er ergab sich dem Hochgefühl, dankte dem Mojito und wünschte sich, dass es nie nie nie endete.  Er ahnte nur, dass es nicht der Drink war, doch wissen wollte er es nicht.  Er ließ sich treiben und fühlte sich zum ersten Mal so frei wie nie!

Die Eule sah herab, lächelte und für ihn unmerklich setzte sie zur Landung an.
"Ja! So ist es schon besser!", feixte sie.
von Martha Sommerfeld veröffentlicht in: Schwarze Schafe
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Freitag, 13. juni 2008
Meta trat hinaus in die Nacht und ließ Robert mit seinem Willen zurück. Es duftete herrlich nach frischem Heu und sie ging hinunter zum See. In den seichten Wellen spiegelte sich das Mondlicht. Der Himmel war von Sternen übersät und sie umgab eine märchenhafte Stille. Meta verkroch sich auf Nachbars Bootssteg und verspürte kein Verlangen, ihren Standort zu wechseln an diesem lauen Sommerabend. Robert jedenfalls würde sie nicht vermissen, soviel war sicher. Denn Robert war Spieler. Nicht im hausgebräuchlichen Sinn, wie sie es war  oder viele ihrer Freunde.
Nein!
Er zockte – er zockte tatsächlich ums große Geld; um seine Firma, seine Existenz und schließlich somit auch um ihre. Das Glück war ihm hold gesonnen, solange er nichts zu erzwingen brauchte. Aber es häuften sich die Tage, an denen es Verzweiflungstaten wurden – natürlich ohne Erfolg! Das Schlimmste aber daran war, dass er es verleugnete, schlichtweg bestritt. Er war süchtig! Es würde immer wieder einen Grund geben, warum er es versuchen wollte. Und er würde immer bemüht sein, das Risiko herunterspielen und nicht verstehen können, dass Außenstehende – wie sie mittlerweile Eine war - diesem Glauben nicht folgen konnten. Vor Allem aber, und das war das Aussichtslose für die Zukunft, würden alle normalen Ideen keinen Anklang finden. Zu müßig erschien der Weg...

Der Wind frischte kurz auf und ein kühler Luftzug streifte ihre Haut. Wie verzaubert stierte sie ins Wasser. Vor einer Woche hatte sie auch abends am Wasser gesessen, nur in Bremen an der Weser. Sie lehnte sich ans Geländer und schloss die Augen. Aus der Ferne zog das tiefe Dröhnen eines Frachters durch die Nacht.

Die Wellen schlugen gegen die Uferbefestigung, als sich das Schiff langsam an ihr vorbei schob. Bordgeräusche drangen bis zu ihr herüber und mit matter Stimmer flüsterte sie: "Bitte, nehmt mich mit..." Ihre Glieder wurden warm und plötzlich sah sie, wie der Frachter auf den Wellen des Meeres ankerte. Käpt'n Jo verzog sich auf sein Deck und flegelte sich in seinen Liegestuhl. Tausend Gedanken durchkreuzten ihn, keinem vorbehalten, ihn wirklich zu verfolgen. Er genoss es, so zu schwelgen, genoss die warme Nachmittagssonne, das seichte Plätschern der Wellen, die sich am Bug brachen und das Kreischen der Möwen, die mit ihnen reisten. Dieser Tag voller Ruhe gehörte ihm und er ließ sich treiben. Sein Blick verlor sich am Horizont.

Mit einem Mal wirbelte in der Ferne ein kleiner, brauner Punkt durch die Luft, der sich langsam auf ihn zu bewegte. 'Was zum Kuckuck ist das denn', durchfuhr es ihn, nun auch noch sehr stark von einem hellen Licht geblendet. Das Surren wurde lauter und kam in großer Geschwindigkeit auf ihn zu. Es wurde immer lauter, kräftiger und plötzlich  - saß eine kleine Eule auf seinem Schoß.

"Ich bin gekommen, um dich ins Land der Funny Sundays zu holen", sagte die Eule völlig außer Atem und deutete mit einem Flügel auf sein Glas. "Ich bin weit geflogen und sehr durstig.  Darf ich mir einen kleinen Schluck nehmen?" Käpt’n Jo rieb sich die Augen. Träumte er? Vor ihm saß eine sprechende Eule, ein so zartes Geschöpf an einem sonnigen Nachmittag  inmitten der Weiten des Ozeans. Verstohlen blickte er sich um, bevor er antwortete: "Ja, sicher, trink nur soviel du möchtest."
Der Liebreiz dieses possierlichen Tierchens hatte ihn bereits verzaubert und er hoffte nur insgeheim, dass ihn niemand an Bord mit einem Tier reden hörte ... und er schwor sich, dass dies der letzte Mojito in seinem Leben gewesen war! Ganz sicher! Er räusperte sich und setzte sich auf.

"Das tut gut", sprach die Eule weiter, nachdem sie das Glas fast in einem Zug geleert hatte. Sie drückte ihn zurück in die Lehne und fuhr fort: "Keine Angst, du bist nicht verrückt. Funny Sunday Island ist die Insel der sich erfüllenden Wünsche. Sie ist in keiner Karte verzeichnet. Nur meine Gebieterin entscheidet, wer unsere Insel betreten darf. Eure Route verfolgt sie schon seit einigen Wochen und möchte euch gern eine Audienz gewähren. Seid ihr bereit mir zu folgen?"
Den alten Seebären durchzuckte ein warmes Gurgeln, das im Magen begann und sich auf alle Körperteile auszudehnen schien. Er fühlte sich wohl, aber wie gelähmt und sah die Eule mit durchdringendem Blick an. Während er sich noch einmal umdrehte, hob es ihn, wie von Geisterhand getragen, aus seinem Stuhl. Kleiner und kleiner wurde das Schiff und er sah das Meer aus einer ganz anderen Sicht. Die Eule hatte ihn am Kragen gepackt und trug ihn mit sich.
'Was geschieht hier?' Er wollte die Hände heben, um sich erneut die Augen zu reiben, doch der Wind drückte so stark gegen seinen Körper, dass er sie kaum bewegen konnte. Er begann zu lachen und grölte aus voller Kraftt. Das Echo hallte aus den Wellen wieder, verband sich mit dem Wind und drang als kräftiges Trommeln an sein Ohr zurück.  Es klang wie Salsa oder war es - Reggae?
Dadadadadadadidadadidadadidaada ...
Er verlor das Gefühl für Zeit und Raum und verschwand in seinen Erinnerungen.
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Donnerstag, 1. mai 2008

Mit sanftem Kick warf er das Büchlein zurück auf den Schreibtisch, als er sich erhob, um das Fenster zu öffnen. Die warme Morgenluft umhüllte ihn und er erstarrte fast, als Jutta das Büro betrat. Bewegungslos versuchte er sich mit einem Lächeln zu bedanken. 
„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie fürsorglich.

Jutta Klein war eine agile, untersetzte Frau mittleren Alters, die in ihrer ganzen Körperhaltung ausdrückte, dass sie ihre Mitte gefunden hatte und ihren Job über die Maße genau dazu brauchte. Insgeheim ahnte sie bereits, als sie den Botendienst in der Früh gegenzeichnete, dass es etwas Besonderes mit Herrn Amadeus aus sich haben würde. Aber es war ihr Job, nichts zu hinterfragen, als vielmehr die Situationen zu erkennen und danach zu handeln. 

Maximilian nickte nur kurz und war spürbar erleichtert, als sie die Tür kommentarlos hinter sich schloss. 'Herrgott - Meta!' Er schloss die Augen und atmete tief durch. Er zog das Handy aus seiner Jackentasche und tippte aus dem Kopf ihre Nummer, zögerte dann aber, den grünen Hörer zu drücken. Eine mulmiges Gefühl kroch in ihm hoch: Was, wenn sie längst die Nummer gewechselt hatte. Es waren Monate vergangen, seit sie sich das Letzte Mal gesehen hatten. Und überhaupt, was sollte er sagen?

Er spürte an seinem Zittern, unter welcher Spannung er stand. Kurzer Hand beschloss er, sich für heute frei zu nehmen. Er fühlte sich außer Stande, auch nur einen klaren Gedanken fassen zu können. Es war kaum acht Uhr an einem Montag mitten im Hochsommer. - wer nicht sowieso gerade Urlaub hatte, versuchte, das Wochenende so lange wie möglich auszudehnen. Solche Tage riefen förmlich danach, endlich mal Überstunden abzubummeln. Mit ein wenig Glück konnte er sich unerkannt vom Hof schleichen und niemand würde wissen, dass er heute überhaupt schon hier war. Jutta, darauf wusste er konnte er setzen, würde alle mit der Antwort konfrontieren, die er ihr vorgab.

 

<wird fortgesetzt>

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Donnerstag, 1. mai 2008

Die Tür drehte sich schwungvoll weiter, als er das Bürogebäude betrat. Es war ein sonniger Montagmorgen und das helle Licht drang so kraftvoll durch die mattierten Fensterscheiben, dass es dem gesamten Innenraum ein behagliches Ambiente verlieh. Trotz seiner modernen Architektur, vermittelte das Gebäude etwas Gemütliches. Maximilian genoss diese Wärme jeden Tag auf´s Neue und atmete kraftvoll durch, bis er schließlich seine Schritte zum Tresen lenkte.


Guten Morgen, Jutta. Hatten Sie ein schönes Wochenende?“, begrüßte er die Dame am Empfang. Ja, Danke!“, antwortete sie gut gelaunt, während sie kurz inne hielt, die Blumen mit frischem Wasser zu versorgen. “Wir haben das schöne Wetter genutzt und sind ein bisschen in die Berge gefahren. Und wie geht es Ihnen, Max? Sie sind früh dran.“
Oh ja, die Straßen waren heute Morgen völlig leer. Dann brauche ich kaum eine halbe Stunde hierher. Wenn es doch immer so wäre“. Er lachte und trat zu seinem Postfach.
Ein Lächeln huschte über Juttas Gesicht, als sie ohne aufzuschauen weiter sprach: „Sie haben Besuch.“

Was? Um diese Zeit?“ Er schaute sie ungläubig an. In Gedanken ging er seinen Kalender durch und konnte sich nicht erinnern, für heute Termine geplant zu haben. Insgeheim hoffte er auf Ihre Unterstützung. „Wer erwartet mich denn?“ Sie senkte leicht den Kopf, während sie ihn eindringlich ansah und es war offensichtlich, dass sie ihren Wissensvorsprung genoss. Nach einer kurzen Pause antwortete sie schließlich: „Ein Herr Amadeus. Er sagte, es wäre privat. Ich dachte, es ist in Ordnung, wenn er gleich in ihrem Büro auf Sie wartet.“
Herr Amadeus?!“ huschte es fragend über seine Lippen und die Fragezeichen standen ihm ins Gesicht geschrieben: „Ich kenne keinen Herrn Amadeus, Jutta.“

Kopfschüttelnd und völlig ideenlos betrat er den Lift. Sein Büro lag im Dachgeschoss und es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis sich die Türen wieder öffneten. Insgeheim ärgerte er sich ein bisschen über Jutta's Gutgläubigkeit. Wie konnte sie einen wildfremden Menschen einfach in seinem Büro platzieren. Noch dazu, wenn in seinem Kalender kein Termin vermerkt war. Andererseits war sie die gute Seele des Hauses und seit Jahren mit allen Geflogenheiten vertraut. Er musste sich eingestehen, dass ihre Ruhe und gleichzeitige Vorfreude seine Überraschung um ein Vielfaches übertroffen hatten, als dass er überhaupt Bedenken hatte, geschweige denn, diese hätte in Worte kleiden können. Er lief weiter über den Gang, unwissend, auf wen er gleich treffen würde. 'Herr Amadeus?!' Er hatte keine Ahnung und lachte in sich hinein, als er endlich sein Büro erreichte. Erwartungsvoll drückte er die Klinke herunter und als die Öffnung den Blick in seinen Raum freigab, schaute er direkt in das freundliche Gesicht eines riesengroßen Stoffbären. Wie vom Blitz getroffen stockte er in seiner Bewegung und schloss gedankenverloren die Tür hinter sich. Sein Herz hämmerte in seiner Brust. Von der Überraschung berührt, fuhr ihm seine rechte Hand an die Lippen. „Amadeus!“, hauchte er aus tiefem Herzen.

Er ging einen Schritt näher, legte die Post ab und lehnte seine Tasche gegen den Fuß des Schreibtisches. Dann packte er das Tier und presste es fest an seinen Bauch. Aus seinem Schoß viel ein kleines Päckchen. Er hob es auf und legte es zu den anderen Dingen auf den Tisch. Maximilian ließ sich in seinen Stuhl fallen und betrachte den Bären auf seinem Schoß. An seinem rechten Arm trug er ein silbernes Armband. Er schüttelte ungläubig den Kopf, ohne den Blick abzuwenden. Natürlich kannte er ‚Herrn Amadeus’ und auch das Armband, das ihn kleidete.


Meta!
Tausend Erinnerungen strömten auf ihn ein und völlig nah erschien ihm der Tag, an dem er ihr diesen Bären geschenkt hatte. Das war an einem Sonntag im Januar, der seinem Namen alle Ehre machte - zwar eisig kalt und mit viel Schnee - aber mit einem gönnerhaftem, blauen Himmel. Eines Tages hatte er ihn in einer Mittagspause in den Auslagen eines Kaufhauses gesehen und dabei sofort an Meta gedacht. Hundertfach hatte er sich in seinen Träumen ausgemalt, wie er sie damit überraschen wollte, wenn sie sich das nächste Mal trafen. Schließlich verabredeten sie sich für jenen Sonntag und er lotste sie per Telefon über die verschneiten Wege im Englischen Garten, bis sie so nah vor ihm stand, dass er es nicht mehr aushielt und seine Deckung endlich aufgab. Den Bären hatte er auf die nahe gelegene Hecke gesetzt. Als Meta sich umdrehte, entluden sich mit einem Mal Aufregung und Neugier zugleich. Ihre Freude erhellte ihr ganzes Gesicht. Fast gleichzeitig trat sie zur Hecke und auf ihn zu. Sie drehten sich im Schnee, während sie sich innig zur Begrüßung küssten. Ihr Lachen schallte bis tief in sein Herz. 
Du liebst große Auftritte, nicht wahr?“ Sie strahlte eine solche Zufriedenheit aus, dass sich die Leute im Park nach ihnen umdrehten. In solchen Augenblicken waren sie eins und er der glücklichste Mann dieser Welt. Allein dafür, dass sie die Fähigkeit besaß, ihm das Gefühl zu geben, dass er ihre Wünsche und Sehnsüchte kannte, ohne dabei auch nur den geringsten Zweifel von jenem Wissen erkennen zu lassen, dass es Vollkommenheit nicht gab, liebte er sie. Übermütig drückte sie ihm eine Bärenpfote in die Hand und während sie weiter liefen, schaukelte nun das helle Stoffknäuel lustig in ihrer Mitte. Unersättlich tauschten sie Blicke und Zärtlichkeiten aus und eine wohlige Wärme durchströmte seine Venen. Es war offensichtlich, wie sehr sie seine Nähe genoss, seine Art und seine Verrücktheiten liebte. Und sie schaffte es immer wieder, ihn binnen von Sekunden, seiner Ängste und Zweifel zu befreien. Es war mehr, als man Glück definieren könnte.


Hat er schon einen Namen? Er muss doch einen Namen haben“, plauderte sie los.
Nein, chou, den hat er noch nicht.“ Er legte seinen Arm um ihre Schultern und verzehrte sich nach ihrer unbekümmerten Art. Er wünschte sich, jetzt die Zeit einfach anhalten zu können. Ziellos schlenderten sie in trauter Einheit durch den Park; sie trug den Bären, mittlerweile fest in beiden Händen haltend, vor sich her und er hielt sie. Okay“, sinnierte sie weiter. „Lass mich mal überlegen!“
Von Kälte durchzogen und mit hochroten Gesichtern kehrten sie ein wenig später in ein kleines Gasthaus ein. Leise untermalte die Musik das Stimmengewirr und über dem Tisch streichelten sie sich an den Händen, verwebten ihre Blicke, als Meta plötzlich - scheinbar ohne erkennbaren Zusammenhang - sagte: „Amadeus! - Wir nennen ihn Amadeus. Was hälst du davon?“

Er dachte gar nichts und im Grunde war es ihm völlig egal. Er hatte eher das Gefühl, die reale Welt verlassen zu haben und einige Zentimeter über dem Boden zu schweben, als er ihre Hand fester hielt und sich antworten hörte: „Woher nimmst du nur immer deine Ideen, chou? Aber es klingt gut. Wenn du es willst, nennen wir ihn so!“ Sie strahlte ihn an und wie aus der Ferne drangen ihre Worte zu ihm herüber: „Fein! Also heißt er von nun an Amadeus.“ Sie setzte sich auf, während sie das Glas erhob, um feierlich zu verkünden: „Auf Amadeus!“
Auf Dich“, antwortete er. Ein feiner Klang drang in den Raum, als sich Ihre Gläser berührten. In ihren Blicken versunken, nahmen sie keinerlei Notiz von ihrer Umwelt. Wie im Fluge verging die Zeit und die ganze Welt schien sich ein bisschen schneller zu drehen. Wie immer, wenn sie zusammen waren…

Er sah ihr direkt in die Augen, als ihn das monotone Klingeln des Telefons aus seinen Erinnerungen riss und in die Realität zurückholte. Benommen sah er aufs Display. 
Er griff zum Hörer: „Ja?!“, raunte er.
Oh, ich wollte Sie nicht stören, Max“, zirpte Jutta Klein amüsiert. „Ich wollte Sie nur fragen, ob sie vielleicht einen Kaffee möchten?“ Er räusperte sich und erleichtert, dass es nichts Wichtiges war, antwortete er: „Ja, sehr gern. Das ist wirklich eine gute Idee!“

Noch immer fassungslos sank er in den Sitz zurück. Er glaubte Meta's Haut zu fühlen, während seine Hände über das weiche Fell des Bären strichen und er hörte tief aus seinem Innern ihre Stimme, ihr Lachen. Er atmete tief durch und seine Blicke fokussierten das Päckchen, das auf seinem Tisch lag. Vorsichtig befreite er den Inhalt von seiner Verpackung und es enthüllte sich ein handgebundenes Taschenbuch: „Funny Sunday Island“, las er tonlos. Ein Blubbern breitete sich in seinem Magen aus und er ließ die Seiten durch seine Hände laufen. Am Ende angekommen, blätterte er zurück zur Mitte, sah die Worte, unfähig, gegenwärtig auch nur eine Zeile davon zu lesen. Sein Herz krampfte sich zusammen und Tränen liefen über sein Gesicht. Kurz nachdem sie sich damals kennengelernt hatten, hatte sie ihn eines Morgens völlig Glücktrunken angerufen, um ihm mitzuteilen, dass sie diese Geschichte geträumt und nun begonnen habe, sie zu Papier zu bringen. Er hatte keine Ahnung, was ihn erwartete, bis sie ihm die erste Version schickte. Natürlich hatte er sich vorgenommen, gerade unter Anbetracht ihrer Euphorie, sie in jedem Fall für gut zu befinden, aber schnell ertappte er sich dabei, dass er sehnsüchtig auf die Fortsetzung wartete. Doch Meta hatte immer nur lachend gesagt, dass sie Zeit und Fügung dazu brauche.


Ach Schubidu“, erklärte sie dann fast flehend, „Verlust, Trennung, Umzug, ein Rucksack voll Schulden und ein wenig Existenzangst, dazu ein neuer Job, neue Kollegen... das alles ist gut und richtig so, aber trotzdem schwer zu verarbeiten und leider wirklich kein guter Nährboden für Phantasie. Aber das geht alles vorbei und dann“, sie atmete tief durch „...dann werde ich irgendwann mal die Zeit finden, nur zu tun, was ich will.“  Und als ob sie dann aus einer anderen Welt weiter sprach, fügte sie hinzu: „Manchmal wünsche ich mir, dass ich einfach tun darf, was mir gerade gut tut. Nicht immer diese Vernunft! Dieses Funktionieren! Das nimmt mir die Luft... Ich bin müde, chou!“


Maximilian fühlte sich solchen Gefühlsausbrüchen hilflos ausgeliefert und fand keine Worte, die ihr Halt hätten geben können. Zu sehr war er in seiner Welt gefangen. Er wusste nur zu gut, dass es mehr als egoistisch war, in dieser Situation noch mehr von all dem, wovon er so sehr zehrte, zu verlangen. Und er wusste auch, dass er seinen Beitrag daran hatte, dass sie ihren Alltag allein meistern musste. Er schaffte es nicht, so wie sie, eine Entscheidung zu treffen und diesen letzten, endgültigen Schritt in eine gemeinsame Zukunft zu gehen, sich von seiner Frau und seiner gewohnten Umgebung zu trennen. Allein, dass sie in zwei Städten lebten und über 600 Kilometer von einander getrennt waren, barg mehr als genug Nährboden für Schwierigkeiten. So aber hatte er überhaupt keine Forderungen zu stellen. Jedoch gingen Wissen und Versuchen zwei unterschiedliche Wege.
 

Insgeheim plagte ihn das schlechte Gewissen, dass er ihren Mut niemals aufbringen würde. Zunächst aus Selbstschutz begann er ihr klammheimlich ein wenig Mitschuld an seiner Unentschlossenheit unter zu mischen. Doch nach und nach verschmolz Lüge und Realität so sehr miteinander, dass er noch mehr Mut gebraucht hätte, ihr seine Unfähigkeit zu beichten, den er – so musste er sich eingestehen - niemals aufbringen würde.


Wissend, dass Meta eines Tages diese Lüge enttarnen musste, um ihn dann – und das zu Recht – in hohem Bogen in die Wüste zu schicken, versuchte er zum Einen, seine Ehe in Balance und parallel den Zustand des Glücks mit Meta möglichst lange zu halten. Solange sie mit der Wiederherstellung ihrer Stabilität beschäftigt war, hatte er gute Chancen, dass sein Nichtstun unerkannt blieb. Er benutzte also ihre Verrücktheit und Phantasie, um ein Luftschloss nach dem Anderen zu bauen, bis einiges Tages – wie voraussehbar - die gesamte Traumwelt wie eine Seifenblase zerplatzte... Einfach so!

von Martha Sommerfeld veröffentlicht in: Schwarze Schafe
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Samstag, 22. märz 2008

Kurz vor Weihnachten erhielt Meta eine Einladung für den Anfang Februar stattfindenden Firmenball. Es war eine alte Tradition von Brunner'S Mineralquell, dass sie immer im Februar eines jeden Jahres den Gründungstag ehrten. Als sie sich anmeldete, erkundigte sie sich, ob sie bereits bei der Organisation unterstützen könnte. „Ach Meta, das ist wohl nicht nötig. Carlos hat das in diesem Jahr noch alles getan. Aber ich kann ihn gern fragen und dann kann er sich ja bei Ihnen melden.“

 

Ach nee“, begrüßte er sie Carlos mit gespielter Freundlichkeit, als sie am Tag der Feierlichkeiten mit einer Freundin durch die Tür trat. „Ach ja“, äffte sie zur Antwort seinen Tonfall nach, während sie sich in die Anwesenheitsliste eintrug.Eigentlich müsstest Du heute hier stehen“, stichelte er.
Wieso ich?“, lächelte sie fragend zurück. ohne inne zuhalten.
Na weil Du jetzt für diese Aufgaben zuständig bist. Gustav erzählte, Du hättest den Vertrag unterschrieben.“
Aber der beginnt doch erst im April. So gesehen ist das Deine letzte Amtstat. Und überhaupt, Du hättest mich doch anrufen können, dann hätte ich mitgemacht.“
Sicher!“ Er zog den Kopf zurück und nickte ungläubig.
Sicher!“, antwortete Meta siegessicher, schnappte sich ihre Handtasche, hakte ihre Freundin unter und ließ ihn stehen: „Und außerdem machst du das doch gerne!“ Sie posierte kurz mit aufgesetztem Grinsen und zog dann ihre Freundin in die Richtung des Tanzsaals. Sie war wütend! - aber das wollte sie hier ganz sicher niemandem zeigen.

 

Wann immer sie sich – Carlos und Meta - an diesem Abend über den Weg liefen, konnte er es nicht lassen, sie zu necken; allerdings gehörte viel Phantasie dazu, seine Äußerungen als Spaß zu verstehen. Am Ende der Veranstaltung begegneten sie sich erneut in der Vorhalle und wieder konnte er nicht umhin, sie anzusprechen: „Na dann, gute Heimfahrt. Eigentlich müsstest Du hier bleiben, bis der letzte gegangen ist und die Abrechnung mit dem Veranstalter machen. Aber ich mach das. Gute Nacht!“
Ihre Geduld kochte über und sie platzte los: „Was, Carlos de Winter, willst Du eigentlich von mir? Hab ich Dir irgendwas getan?“
Nöh, wieso?“
Den ganzen Abend machst Du mich blöde an. Hör zu, ich kam nicht hier her spaziert und habe behauptet, Du könntest Deinen Job nicht und müsstest dringend ersetzt werden. Es war ja wohl mehr anders herum: DU wolltest nicht mehr und irgendjemand MUSS Dein Nachfolger werden. Nun sei bitte auch so fair und stehe dazu und vor allem, gib demjenigen - also nach jüngsten Entwicklungen – mir! - eine Chance. Du sagtest zum Sommer willst Du raus sein. Darum beginnt der Vertrag im Frühjahr. Wenn Du früher raus willst, musst Du mal einen Ton sagen. Ich kann doch nicht hellsehen!“
Sie sah ihn wütend an und er nestelte unsicher in den Papieren auf dem Tisch herum. „Naja“, lenkte er ein. „Dann müssen wir uns mal treffen.“
Ihre Freundin verabschiedete sich und drückte sie herzlich: „Klärt das jetzt mal. Alles andere ist doch albern. Ich fahre schon mal los. Wir hören uns morgen?
Klar, machen wir. Pass schön auf! Ok?“
Na sicher doch! Du auch!“ Carmen winkte fröhlich und entschwand durch die Tür.


Okay“, nahm Meta das Gespräch mit Carlos wieder auf, „beginnen wir mit der Einarbeitung. Ich bleibe hier und schaue mir an, was Du heute noch tust und Du erzählst mir derweil ein wenig darüber, was ich aus Deiner Sicht sonst noch wissen sollte. Ja?!“
Wie, jetzt?“, fragte er irritiert.
Ja“, blieb sie standfest. „Ich lasse mich doch nicht von Dir vorführen. Also bitte, ich höre!“ Gelassen stützte sie sich mit den Armen am Tisch ab und genoss es, dass er damit nicht gerechnet hatte. Schließlich begann er zu erzählen, dass seine Feindseligkeit im Grunde nichts mit ihr persönlich zu tun hätte, sondern viel mehr mit den Ereignissen in der Vergangenheit.Weißt Du, ich bin ja schon länger nicht nur für ihn tätig“, begann er, „aber ich habe die Aufgaben weitergeführt, damit Gustav jemand anderen finden konnte. Das macht man nicht mal so nebenbei.“
Ist mir schon klar!“, warf Meta ein.
Vor zwei Jahren dann“, fuhr Carlos fort, “traten hier plötzlich aus dem Nichts einige Personen auf und erklärten mich für unfähig und dass sie alles viel besser könnten. Gustav wollte, dass ich sofort alles übergebe, was ich nach vielem Trara auch tat. Doch noch bevor ein Jahr um war, waren alle verschwunden, hatten sich zerstritten, was weiß ich und Gustav rief mich wieder an und bat mich, ihm aus der Klemme zu helfen.“
Meta hörte ihm aufmerksam zu. Er holte tief Luft und fuhr fort: „Nunja, ich hab's natürlich gemacht, aber auch ziemlich deutlich gesagt, dass er dringend Ersatz finden müsse. Und so kamst Du ins Spiel.“
Moment“, unterbrach ihn Meta. „Eigentlich wollte das eine Anderer tun.“
Siehst'e“, sagte er.
Wie, siehst'e? Du kannst doch nicht mir die Schuld geben, dass der nun nicht erschienen ist und ich wiederum hörte es vom Buschfunk und habe einfach mal nachgefragt. Und als ich dann den Termin hatte und Du zum Gespräch gebeten wurdest, wusstest Du zwar, wer ich bin, aber Du wusstest nicht, was ich kann. Darum hast Du auch gleich behauptet, dass wir uns kennen, was ja so im Grunde nicht ganz richtig ist. Du hattest Angst, dass ich Dir Fragen stellen könnte, die Du vielleicht nicht hättest beantworten können und somit wolltest Du lieber keinen Nachfolger, als einen der es vielleicht in der gleichen Qualität liefert wie Du und Du dann wirklich nicht mehr gebraucht wirst. Dir fehlte es nicht vorrangig an Zeit, sondern an Dankbarkeit, für das was Du tatest, hab ich Recht?“
Nöh! Ich wollte einfach nichts mehr damit zu tun haben, verstehst'e?“
Sei ehrlich!“, hakte sie nach.
Carlos sah sie an. „Wie auch immer. Willst Du noch was trinken?“
Meta ließ ihn nicht aus den Augen. „Ja klar, warum nicht.“
Müsste mich sowieso mal wieder drinnen blicken lassen.“ Carlos ging um den Tisch und nacheinander betraten sie den Ballsaal. Es war mittlerweile zwei Uhr und die Verbliebenen umstellten die Bar. Carlos drückte ihr ein Glas Wein in die Hand und verschwand hinter dem Tresen. Sie blieb zurück und beobachtete das Geschehen. Es dauerte nicht lange, bis er wieder neben ihr stand und sagte: „Wir könnten jetzt gehen.“
Ich denke, wir bleiben, bis der Letzte weg ist?“
Eigentlich ja, aber ich hab das eben geklärt. Ich komme am Montag her und dann besprechen wir die Abrechnung.“
Sie nippte an ihrem Glas. „Montag kann ich nicht.“
Ich bin sowieso hier.“
Achso...“ Kopf schüttelnd bestätigte sie seine Entscheidung. „Dann ist es ja gut!“ Was hätte sie auch anderes sagen sollen. „Na dann - gehen wir! Haben ja sowieso fast den gleichen Weg.“
Sie holten die Jacken und traten hinaus auf die Straße. Kühl durchzog die winterliche Feuchtigkeit die Luft. Das Licht der Laternen schimmerte matt auf den Gehweg.
Könnten noch ins Meier's gehen oder musst Du gleich los?“, fragte er ohne sie anzusehen. Er hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben und sein Blick verlor sich in der Kreuzung.
Ist denn da noch auf?“, gab Meta zu bedenken.
Meistens“, sagte er und setzte sich in Bewegung.


Das Meier's war ein rustikales Bistro, das nachmittags mit Kaffee und Kuchen begann und abends in einen Barbetrieb wechselte. Am Wochenende kam es durchaus vor, dass auch zu vorgerückter Stunde noch Gäste dort verweilten. Heute aber hatten sie kein Glück mehr. Der Wirt hatte bereits die Kasse geschlossen und so gingen sie weiter. Meta versteckte die Hände in ihren Ärmeln und verschränkte sie zum Wärmen vor dem Körper. Die kühle, nasse Luft kroch ihr bis unter die Haut. Ohne ein Wort zu sprechen folgten sie weiter der Straße und landeten schließlich im einzigen Pub, der die ganze Nacht geöffnet war. Meta war hier einige Male mit Robert gewesen. Doch das letzte Mal lag weit über ein halbes Jahr zurück. Am Tresen standen Leute, die sich offensichtlich öfter hier trafen und die auch Carlos gut kannten.
Na, ist die Feier schon vorbei?“, begrüßte ihn die Dame hinter der Bar.
Jaja, weißt doch, nach Mitternacht lichten sich dann schnell die Reihen.“ Meta grüßte flüchtig, hatte aber beschlossen, sich erstmal einen Überblick zu verschaffen. Carlos schob sich auf einen der Barhocker und gab die Bestellung auf. Noch ehe sie ebenfalls saß, stellte er sie seiner Gesprächspartnerin vor: „Das ist übrigens meine Nachfolgerin. Haben grad ein bisschen mit der Übergabe begonnen. Waren erst drüben im Meier's. Aber da war schon Schluss.“
Achso“, sagte die Bardame, die die Information nickend registrierte. Während sie die Gläser spülte, widmete sie Meta einen kurzen Blick und sprach dann weiter: „Von da kommen jetzt oft nachts die Leute hierher. Mir soll's recht sein.“ Sie zapfte das Bier an und nachdem sie schließlich beide mit einem Getränk versorgt hatte, stützte sie sich mit den Armen auf den Schanktisch, um mit Carlos ausgiebig die Neuigkeiten auszutauschen. Meta saß daneben und versuchte zunächst, dem Gespräch zu folgen. Doch da sie nichts beisteuern konnte, entfernten sich ihre Gedanken. 'Wann', sinnierte sie, 'habe ich eigentlich das letzte Mal wirklich irgendwo dazu gehört?' Und wie in einem Zeitraffer folgte sie der ersten Wahrnehmung und ließ Erlebnisse aus der Jugendzeit an sich vorbei ziehen.
Alles okay bei Dir?“, riss sie Carlos plötzlich aus ihren Erinnerungen.
Klar doch“, antwortete sie völlig teilnahmslos.
Oh Gott, Du musst Dich doch zu Tode langweilen“, lenkte nun die Dame hinterm Tresen ein. „Tut mir leid. Habe grad völlig die Zeit vergessen. Aber wir haben uns wirklich einige Wochen nicht gesehen.“
Du, ist kein Problem,“ erwiderte Meta, „könnte mir genauso passieren. Fand das jetzt gar nicht so tragisch.“
Soll ich euch 'nen Taxi rufen?“
Woll'n wa los?“, sicherte sich Carlos bei Meta ab.
Von mir aus...“ Meta rutschte vom Hocker und zupfte sich die Sachen zurecht.
Okay, Ini, wir hauen dann ab“, sagte er und wenig später standen sie wieder auf der Straße, nur diesmal vor Metas Haustür. Knapp sechs Wochen wohnte sie hier. Es kam ihr länger vor, viel länger. Doch es waren noch keine zwei Monate...


Mittlerweile war es fast fünf Uhr morgens und Carlos' Neugier siegte, weshalb sie sich noch immer nicht trennten. Sie stapften nebeneinander die Treppe nach oben. Er studierte wohlwollend den Ausbau ihrer Wohnung. Sie war großzügig geschnitten und fürs Erste eingerichtet. Auf dem Boden lagerten noch die letzten Umzugskartons. Meta hatte Wasser aufgesetzt und rührte damit Cappuccino an. Danach flezten sie sich – scheinbar an den Tassen festhaltend - in die Sitzsäcke und für einen Moment beherrschte die Stille den Raum. Carlos entdeckte in der Küchenecke eine Flasche Lambrusco; das Werbegeschenk eines Pizzalieferanten.
Trinkst Du sowas?“, fragte Meta überrascht.
Nöh!“
Hier auch keiner!“
Wetten das doch?!“

Und so kam es, dass sie um die Wahrhaftigkeit dieser Behauptung um einen Abend in der Altstadtbar wetteten. Meta behauptete, dass diese Flasche auch in einem Jahr unberührt dort stehen würde. „Niemals“, hatte Carlos entgegen gesetzt, das Etikett signiert und schließlich schlugen sie beide ein und stellten das Gebräu auf die Fensterbank.

 

Nun saßen sie wieder hier. Mehr als ein Jahr war seit jenem Morgen vergangen und es war, als ob sie jemand in einem Tag abgesetzt hatte, der nicht zu ihnen gehörte. Meta war noch viel zu benommen von ihrem Traum und Carlos war mehr einer Intuition gefolgt, als dass er wirklich einen Plan gehabt hätte, als er bei ihr klingelte. Sie plauderten oberflächlich über belanglose Dinge und darüber verging die Zeit. Nach zwei Stunden schob Meta Carlos durch die Tür und überließ ihn dem Tag. Das Schloss fiel in die Tür und sie rutschte an dieser hinunter. Es war schön, dass da jemand gewesen war, der mit ihr geredet und mit dem sie Kaffee getrunken hatte, aber nun war es schön, allein zu sein. Es war Sonntag und so kroch sie schnell zurück ins Bett!

 

Weitere Kapitel in "Schwarze Schafe"


von Martha Sommerfeld veröffentlicht in: Schwarze Schafe
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Sonntag, 16. märz 2008

Die Firma Brunner's Mineralquell war ein traditionsreiches Familienunternehmen. Seit über einem Jahrhundert wurden hier alkoholfreie Getränke hergestellt, abgefüllt und weit über die regionalen Grenzen hinaus vertrieben. Meta hatte über Freunde den Tipp bekommen, dass dort ein Nachfolger für die PR-Abteilung gesucht wurde. Kurzerhand vereinbarte sie einen Termin. Das Fabrikgelände war sehr gepflegt und weitläufig. Die Klinkersteinfassaden der Produktionshäuser stachen ihr sofort ins Auge und fast ehrfürchtig lenkte sie ihre Schritte über den Kiesweg zum Haupthaus. Sie hoffte nur, dass es nicht auffiel, dass sie nur wenig über die Geschichte des Betriebes wusste. Das quadratisch wirkende Haus erstreckte sich über drei Etagen und mochte wohl an die 30 Meter breit sein. Das Dach war von einer breiten Terrasse umzäunt, welche sicherlich erst nachträglich errichtet wurde. Meta spürte, wie die Eindrücke sie überwältigten, doch sie stand nun vor der großen, mit aufwendigen Handarbeiten verzierten Holztür und so drückte sie kurzentschlossen auf die Klingel. Hinter der Tür ertönte sofort ein tiefes Bellen, dass wenige Sekunden später eine freundliche Männerstimme wieder zum Verstummen brachte. Kurz danach öffnete sich die Tür. „Sie wünschen?“ eröffnete ein grauhaariger Mann freundlich das Gespäch. „Guten Tag, mein Name ist Meta Liebich und ich habe um 17 Uhr einen Termin mit Herrn Brunner.“
Oh ja, Frau Liebich, herzlich willkommen, treten Sie bitte ein. Mein Name ist Johann Klink und ich bin sozusagen hier das Mädchen für alles. Herr Brunner wird gleich bei Ihnen sein. Wenn Sie mir bitte folgen möchten.“

Johann Klink erinnerte Meta sofort an einen Butler aus alten Filmen. Er war von jener vornehmen Zurückhaltung, die Meta sehr schätzte. In dem Hotel, in dem sie ihre Lehre und die ersten Arbeitsjahre verbrachte, gab es auch noch einen Portier dieser Klasse. Er kannte alle wiederkehrenden Gäste und wusste genau, welche Gesten er wann anzuwenden hatte. Manchmal ergab es sich, dass Meta mit ihm gemeinsam Dienst hatte und dann genoss sie es, wenn er die Zeit fand, um in Erinnerungen zu schwelgen und über alte Zeiten plauderte. Meta mochte Herrn Klink auf den ersten Blick und wie auf Knopfdruck war ihre Aufregung verflogen. Neben ihnen trottete ein caramelfarbener Labrador, der Meta nicht aus den Augen ließ. „Hier entlang bitte“, sagte Johann Klink und zeigte mit einer Handbewegung in Richtung einer Treppe, die dem Korridor folgte. Trotz einiger historischer Möbel wirkten die Gänge belebt und überhaupt nicht altbacken. Meta war fasziniert von den frischen Farben und dem geschmackvollen Ambiente. Sie stellte sich vor, wo sie hier wohl ihren Arbeitsplatz bekäme und sofern es sich irgendwie vereinbaren ließ, hatte sie schon jetzt beschlossen, den Auftrag auf jeden Fall anzunehmen.

Sie befanden sich nun im zweiten Obergeschoss, als Herr Klink auf eine große, weiße Flügeltür zu steuerte. In der Mitte des Raumes stand ein Tisch mit sechs Stühlen. Die Sonne brach sich im Spiegel an der Wand, der quer über einer Anrichte hing und somit den frischen Blumen darauf eine besonders kräftige Farbe verlieh. „
Nun, da wären wir.“ Er deutete auf die Getränke, die auf dem Tisch standen. „Bedienen Sie sich ruhig. Herr Brunner wird jeden Moment hier sein.“ Er trat zum Fenster, um die Jalousien etwas herunter zu lassen. Meta legte in der Zwischenzeit ihre Tasche ab und blieb im Raum stehen. Der Hund tat es ihr gleich, nur das er sich setzte. Langsam schob sich die Schwanzspitze von einer Seite zur anderen. Sie wusste, dass das das Zeichen dafür war, das er sich freute und am liebsten mit ihr spielen würde.Komm Tamino“, lockte ihn Herr Klink, „wir gehen wieder runter.“ Tamino tat wie ihm befohlen und tapste zur Tür.

Wenig später saß Meta mit Gustav Brunner am Tisch und sie plauderten aufgeschlossen über dies und das. Schließlich lenkten sie fast beiläufig das Gespräch auf den eigentlichen Grund ihres Treffens. Herr Brunner machte sehr deutlich, dass er bislang mit der Qualität der Leistungen sehr zufrieden war. „Was ist passiert, dass sie dann trotzdem Ersatz für ihn suchen?“, erkundigte sich Meta etwas verwundert.
Nun, er hat mich darum gebeten“, antwortete ihr Gesprächspartner sehr gefasst.Er hat vor Jahren mal mit einem Freund eine Idee gehabt, dessen Verwirklichung diverse Genehmigungen nach sich zog. Nun sind diese gefallen und sie haben die Chance bekommen, ihre Idee in die Tat umzusetzen.“ Er stand auf und ging zum Fenster, um die Jalousien ein wenig mehr zu öffnen. „Da kann ich mich ihm doch nicht in den Weg stellen. Abgesehen davon, würde das sowieso nicht funktionieren. Nicht bei ihm.“ Meta fragte sich, ob Herr Brunner absichtlich verhinderte, einen Namen zu nennen. Sie studierte seine Gesten. „Es sind ja die letzten schönen Tage vor der grauen Jahreszeit, da sollten wir die Sonne nicht aussperren“, schweifte er ab und verharrte dann einen Augenblick in seinen Gedanken. Bevor er sich wieder setzte, schenkte er Wasser nach. Dann fuhr er fort: „Ich denke, er muss jeden Moment hier sein. Sie haben doch noch etwas Zeit?“
Ja sicher“, winkte Meta gelassen ab.
Er kann Ihnen nämlich am Besten erzählen, was er genau gemacht hat. Schade, dass wir uns nicht eher begegnet sind. Dann hätten Sie mehr Zeit gehabt und wer weiß, vielleicht wäre dann alles noch ganz anders gekommen. Ich denke, Sie werden gut mit ihm...“ Er beendete den Satz nicht, denn in diesem Augenblick öffnete sich die Tür und Carlos betrat den Raum.
Darf ich vorstellen?“ begann Gustav Brunner in höflichem Tonfall.
Nicht nötig“, raunte Carlos. „Wir kennen uns.“
Oh“, überspielte der Gastgeber nun gekonnt seine Verwunderung und bot Carlos an, Platz zu nehmen. „Willst Du auch was trinken?“ Jedoch ohne die Antwort abzuwarten, drehte er ein Glas um und füllte es ebenfalls mit Wasser.

Carlos war ein drahtiger Mann von Mitte Dreißig. Mitunter wirkte er fast ein bisschen schlacksig, aber niemals albern. Von ihm gingen eher Ruhe und Sicherheit aus. Bisweilen lag sein Fokus
nur auf seinen Interessen. Er genießt seine Freiheit und macht daraus kein Hehl! Sein Herzblut steckt er gleichermaßen in die Arbeit wie in seine Freizeit. Was er macht, dass macht er mit vollem Arrangement und vor Allem macht er ungern Kompromisse. Sein Lebensinhalt ist das Leben und so zieht er wie ein einsamer Wolf - scheinbar ziellos – durch die Zeit, ewig begleitet vom Fluch seiner Extrovertiertheit. Er glaubt nicht an die Liebe und wenn man ihn fragt warum, ist er fest davon überzeugt, dass es niemals eine Frau an seiner Seite geben wird, die ihn so liebt, wie er ist; Eine, die seine Art von Aufrichtigkeit annimmt und weiß, dass die Stunden, die er ihr schenkt, ehrlich sind und nur frei für sie. Diese Art von Leben, ja quasi seine Sucht nach Freiheit und Individualität - so hat ihn die Erfahrung gelehrt - ist nicht geeignet für feste Bindungen. Und so besteht sein sozialer Halt darin, überall und nirgends zu sein.

Meta spürte, wie sich plötzlich eine gewisse Spannung aufzubauen schien. Oder lag es nur daran, dass niemand etwas sagte. Sie empfand es etwas anmaßend, hier zu behaupten, dass sie sich kannten. Sie waren sich nach Ewigkeiten ein paar mal begegnet und hatten, wenn überhaupt, oberflächlichen Smalltalk betrieben. Ein Gefühl der Unsicherheit beschlich sie. Natürlich! Er wusste, dass sie kommen würde und auch wer sie ist. Er wollte aber vielleicht gar nicht, dass sie seine Nachfolge antrat oder besser: er wollte jemanden, den er wirklich kannte. Bisher hatte sie nicht über Konkurrenten nachgedacht. Das hatte sie noch nie getan. Entweder die Chemie stimmte und dann fanden sich auch die Wege zu einem Konsenz oder aber, es war sowieso besser, wenn der Vertrag nie geschlossen wurde. Aber heute wäre es wohl wirklich besser gewesen, etwas mehr Hintergrundinformationen zuvor einzuholen. Oh Gott! Um Ihre Unbehagen zu überspielen, trank sie einen Schluck Wasser.

Herr Brunner ergriff wieder die Initiative und brach das Schweigen, in dem er sich an Carlos wandte: „Nun, umso besser. Ich habe Frau Liebich bereits ein wenig von uns erzählt und ich möchte Dich nun bitten, den Umfang Deiner Aufgaben zu beschreiben. Über die Details können wir dann ja ein andern Mal sprechen. Heute soll es ja darum gehen, Frau Liebich einen Einblick zu vermitteln und dann gemeinsam zu sehen, ob sich daraus eine Zusammenarbeit entwickeln lässt oder nicht.“ Innerlich hoffte Meta, dass sie sich irrte, dass Carlos nur ebenso unbeholfen vor der Situation stand wie sie und sie nicht generell ablehnte. Tatsächlich erzählte er sehr ausführlich über die letzten Aktivitäten, über regelmäßige, einmalige, jährliche und die Zeit verflog. Meta hörte gespannt zu. Schließlich endete das Gespräch in einer lockeren Atmosphäre und wenige Tage später unterschrieb sie den Projektvertrag mit Beginn zum Frühjahr des kommenden Jahres.

von Martha Sommerfeld veröffentlicht in: Schwarze Schafe
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Mittwoch, 12. märz 2008
Meta folgte gedankenverloren der Straße. Es war früh am Morgen und über den Wiesen hing ein dünner Nebelschleier. Die aufgehende Sonne färbte den Himmel glutrot. Es war einer jener Sonnenaufgänge von denen man träumt, wenn man an Urlaub denkt und die man meistens nur erlebt, wenn zum Genießen keine Ruhe bleibt. Aber heute hatte sie keine Eile. Also fuhr sie langsamer und berauschte sich an dieser zauberhaften Kulisse.

Du musst jetzt links abbiegen und dann nach der nächsten Kreuzung immer nur geradeaus fahren, bis du links das große Firmengelände siehst. Es ist nicht mehr weit.“ sprach jemand in ihren Rücken. Leicht irritiert schaute sie in den Spiegel. Obwohl sie mutterseelenallein war, verringerte sie das Tempo. Neugierig hielt sie am nächsten Parkhafen an und wälzte die Karte. Tatsächlich war dieser Weg der Kürzeste. Sie fuhr wieder an und grinste dabei verstohlen in den Rückspiegel: „Wenn ich das jemandem erzähle - die erklären mich alle für verrückt“, feixte sie, schnappte den Rhythmus aus dem Radio wieder auf und lenkte das Auto elegant über die Straßen.
Ein wenig märchenhaft wirkte der kleine Ort, den sie wenig später durchqueren musste. Morgentau blitzte auf den Dächern und die einzigen Menschen, die man so früh schon sah, waren jene, die ihre Hunde Gassi führten. Kleine Straßen trennten die Häuser, die liebevoll mit Blumenbänken geschmückt waren. Sie ließ das Fenster herunter, denn sie liebte das Geräusch, wenn Räder übers Kopfsteinpflaster rollten. Sofort strömte der typische Kleinstadtgeruch auf sie ein, den man kaum in Worte fassen kann und der doch das Flair so sehr bestimmt. Wie im Traum flog sie durch den Ort. Plötzlich riss sie ein lautes Hupen aus den Gedanken. Direkt vor ihr presste sich eine alte Dampflok durch dichten Rauch. Während Meta quietschenden Reifens den Wagen zum Stehen brachte, polterte das nostalgische Monstrum an ihr vorüber. Sie starrte wie gebannt geradeaus und fühlte ihren Herzschlag im ganzen Körper. 'Ich habe wohl vor lauter Träumerei die Warnschilder übersehen!' erschrak sie und der Schock erstarrte ihre Glieder. Als sie wieder zu sich kam, war die Lok fast am Horizont verschwunden und lautlos pufften nun die weißen Rauchwolken in die Morgenluft. Bizarr wirkte diese friedliche Szene unter Anbetracht der brenzligen Situation vor wenigen Minuten. Noch immer war ihr unerklärlich, wieso sie die Schranke nicht rechtzeitig gesehen hatte. 'Wo kam die überhaupt auf einmal her?'

Sie stieg aus und schaute sich um. Die Zeit verstrich, aber der Übergang blieb versperrt. Es kam auch kein weiterer Zug, nichts! Also griff sie abermals zur Karte. Wenig später wendete sie den Wagen und trat den Umweg an. Die Straße schlängelte sich durch die Ortschaft und führte sie schließlich einen steilen, schmalen Weg hinauf. An dessen Ende ging es nur in zwei Richtungen: Nach rechts zurück nach Hause; Also bog sie links ab. Sie kam vorbei an großen Feldern, die durch kleine Baumreihen getrennt wurden. Hin und wieder erhoben sich aufgescheuchte Vogelscharen in die Luft, um sich an der nächstbesten Stelle wieder niederzulassen. Meta atmete tief durch. Sie war sicher, dass sie wieder auf derselben Landstraße fuhr, wie vorhin, bevor sie abgebogen war. Sie spürte förmlich, wie sie sich beruhigte. Doch was war das? Plötzlich endete die Straße mit einer scharfen Linkskurve und führte sie steil hinab zurück in den Ort und direkt bis vor die Schranke. Verwundert hielt sie inne. 'War sie wirklich im Kreis gefahren? Wie konnte das sein?'
Die Zeit verrann, die Schranke blieb zu und der einzige Weg, der sie noch zum Ziel bringen konnte, war jener, den sie eben gefahren war. Dennoch, sie musste etwas übersehen haben. Meta schärfte die Sinne und wendete erneut. Jedoch fuhr sie diesmal noch langsamer, um nichts zu übersehen. „Bahnhofstraße“, las sie laut von einem Straßenschild ab und sprach mit ironischen Unterton weiter: „Super Scherz! Sackgasse ist irgendwie passender!“

Ratlos kroch sie durch den Ort, in dem mittlerweile das Leben erwachte. Autogeräusche und Wortfetzen vorbei laufender Menschen drangen an ihr Ohr. Niemand aber schien von ihr Notiz zu nehmen. 'Wie kann es sein, dass ich an einem so schönen Morgen in diesem Nest festhänge? Wo lang gehen denn die anderen Leute? Muss denn niemand außer mir über diese Schranke?' Ihr Hirn trommelte. Sie fragte Passanten und irrte dennoch endlos durch den Ort - immer und immer wieder versuchte sie, die Schranke zu umfahren. Doch wohin sie auch abbog, in welche Richtung sie auch fuhr, sie kehrte - immer und immer wieder - über diese kleine, steile Zufahrtsstraße an diesen Platz zurück und wie es schien, gab es nur noch diesen einen Weg zu ihrem Ziel; ein Weg, der genau an dieser Schranke endete. 'Aber wie ist das möglich? Was ist hier los?’ Hilflosigkeit kroch durch ihren Körper. Das Ganze erschien so unglaubwürdig und war doch so realistisch. Meta stoppte den Motor und griff zum Telefon. „Hah“, schniefte sie wütend und beförderte es kurzer Hand zurück in die Handtasche: “Natürlich - kein Netz! Warum auch...“
 

Sie fiel schlaff in den Sitz. Ihr Blick bohrte sich durch die Fensterscheibe. Trotz Allem war sie ruhig und selber überrascht ob ihrer Gelassenheit gegenüber der schier unüberwindbaren Hürde, im Gegenteil, eher stolz auf die Akribie, mit der sie nach einem Ausweg suchte. „Und da sag noch einer, ich hätte keine Geduld!“ grunzte sie vor sich hin. Ihre Blicke scannten die gesamte Umgebung. 'Es musste einen Weg geben!' Plötzlich schreckte sie hoch. Sie hatte völlig die Zeit vergessen! Als sie auf die Uhr sah, war es 06:06 Uhr. Erleichtert atmete sie durch. Da ertönte aus der Ferne wieder ein Signal. Es war leise, sehr leise und sehr weit weg: Fiiieeeeeeep Fiiieeeeeeep Fiiieeeeeeep Fiiieeeeeeep Fiiieeeeeeep Fiiieeeeeeep Fiiieeeeeeep... Konstant und eindringlich ging es so in einem Fort. Es klang fast wie eine Alarmanlage?! In der Hoffnung einen Hinweis zu entdecken, drehte sie sich um. Dabei streifte ihr Blick nochmals die Uhr. Ein Blitz schoss durch ihren Kopf: '06:06 Uhr?! - Das ist kein Alarm - das ist der Wecker!’
Benommen riss sie die Augen auf und starrte auf die Anzeige ihrer Uhr. Es war tatsächlich sechs Uhr sechs! Völlig neben sich stehend schraubte sie sich pflichtbewusst aus dem Bett und schlurfte in die Küche. In ihrem Kopf wirbelten noch die Bilder von ihrem merkwürdigen Traum. Doch augenblicklich verspürte sie kein Verlangen, weiter darüber nachzudenken. Völlig mechanisch aktivierte sie den Wasserkocher und schaute hinaus in den grauen Morgen, als es plötzlich klingelte.

Sie sah abermals auf die Uhr. Und natürlich war es noch nicht wesentlich später. Es klingelte ein zweites Mal. 'Wer konnte das sein um diese Zeit?'
Hallo?“, flüsterte sie fragend in den Hörer der Gegensprechanlage.
Carlos hier“, tönte es aus dem Lautsprecher. Wie ferngesteuert drückte sie auf den Summer. 'Carlos? Was will der denn so früh hier?’ Sie öffnete die Tür und sah zu, wie er sich die Treppen nach oben hangelte. Schließlich trat sie einen Schritt zurück, um ihn durchzulassen. Es hatte nicht den Anschein, dass er nur etwas abgeben wollte.
Morjen“, begrüßte er sie im Türrahmen, drückte ihr einen leichten Kuss auf die Wange und zog seine Jacke aus, die er dann wie selbstverständlich über einen kleinen Hocker warf.
Moin Moin“, grüßte sie zurück und grinste ihn an: „Was verschafft mir die Ehre?“
Och, ich bin im Taxi eingeschlafen.“ Er hüpfte auf einem Bein hin und her, bemüht beim Schuhe ausziehen das Gleichgewicht zu halten: „Darum hat mich der Fahrer hier vorne am Stand rausgeschmissen. Und da du auf meinem Heimweg wohnst, dachte ich, ich klingle einfach mal. Naja, und nun bin ich hier…“
Sehr schön!“, lachte sie und schüttelte den Kopf. „Es ist sechs Uhr morgens. Du hast Glück, dass ich schon wach bin. Ich bin nicht sicher, ob ich es sonst gehört hätte.“
Naja, dann hätte ich eben Pech gehabt.“
Achso...na dann!“ Meta betrachtete ihn skeptisch und ging dann zurück zur Küche. Das Wasser kochte inzwischen. „Willst du auch 'nen Kaffee?“
Nöh!“, sagte er und ließ sich in einen Stuhl am Küchentisch fallen.
Irgendwas anderes?…“
Nöh!“

Meta wohnte direkt unterm Dach. Die Wohnung war hell und geräumig und der Atelierschnitt verlieh ihr einen individuellen Charme. Küche, Wohnzimmer und Flur bildeten einen Raum. Meta stand an der Anrichte und sah dem blubbernden Wasser zu, wie es durch den Filter lief. Und Carlos saß da und schaute ihr dabei zu. Für einen kurzen Moment war es still und man hörte nur, wie der Kaffee in die Kanne plätscherte.

Ich habe übrigens unsere Wette gewonnen“, unterbrach sie das Schweigen und drehte den Kopf zur anderen Seite der Küche. Mit einem leichten Nicken zeigte sie auf eine Flasche Lambrusco, die ganz unten im Regal lag. „Hab Dir doch gesagt, dass so etwas bei uns niemand anrührt.“
Nun“, gab Carlos zu bedenken, „im Grunde habe ich gewonnen.“
Wieso das denn?“, empörte sie sich.
Jetzt nickte er mit dem Kopf leicht nach rechts, bevor er antwortete: „Naja, die Wette war, dass sie da“, er richtete seinen Finger zur exakten Angabe der festgelegten Position in Richtung Fensterbank, „ein Jahr lang unverändert stehen muss.“
"Stand sie ja“, konterte Meta. „Aber das Jahr war vor zehn Wochen um. Also hab ich sie weggeräumt.“
Siehst'e“, entgegnete daraufhin Carlos und lehnte sich zurück. Die Beine weit ausgestreckt, die Hände locker im Schoß liegend, verfolgten seine Blicke Metas Handgriffe.
Wie 'siehst'e? – ich habe gewonnen. Da gibt’s nichts zu sehen.“
Sie lachte amüsiert und setzte sich zu ihm an den Tisch. „Hättest Du halt mal eher wieder vorbei schauen müssen.“
"Du warst ja verschwunden.“
"W
as war ich?“
Na verschwunden. Niemand wusste, wo Du bist. Bis gestern Abend.“
Das glaub ich ja wohl nicht. Warum hast Du mich nicht angerufen, dann hättest Du gewusst, wo ich bin?!“
"
Hab ich ja, aber Du hast nicht geantwortet.“
Wann?“, fragte sie bestimmt.
Na als wir uns in der Bar getroffen haben, als Du da mit so 'nem Typen am Tisch gesessen hast und erst beim Losgehen gesehen hast, dass ich auch da war.“
Carlos, das war im vergangenen Sommer. Wir haben jetzt April. Und Du hast mich nicht angerufen, sondern vom Heimweg aus eine sms geschickt: 'upps' war alles, was darin stand. Sorry, aber was hätte ich Dir darauf antworten sollen?“
Keine Ahnung. Irgendwas!“
Du hast 'nen Knall!“ Mit breitem Grinsen sah sie ihn an und schüttelte fassungslos den Kopf. Sie war sich nicht sicher, ob er das ernst meinte oder nicht.

Überhaupt kannte sie ihn eigentlich nicht. Sie waren beide seit ihrer Kind