Dienstag, 15. januar 2008

Es gibt tausend Gründe alles beim Alten zu belassen und
doch nur einen, wirklich etwas zu verändern:
du hältst es einfach nicht mehr aus!


Vor einigen Monaten saß ich gemütlich mit einem guten Freund zusammen und wir plauderten unbeschwert über Gott und die Welt in den Feierabend hinein. Er schweifte in seinen Gedanken weit aus und sinnierte gerade darüber, dass es doch nicht das Ziel sein konnte, 3 – 4 mal im Jahr den Partner zu wechseln – was ohne Frage über einen gewissen Zeitraum auch mal ganz lustig sein kann, hilfreich vor Allem bei der Positionierung der eigenen Werte und unkompliziert, da unverbindlich. Aber wofür tut man, was man tut, wenn da doch niemand ist, den es interessiert, was man zu berichten hat, wenn man nach Hause kommt? Sollte das Ziel nicht darin bestehen, jemanden an seiner Seite zu wissen, dem man vertraut und der die Dinge, die einem etwas bedeuten, genauso gern hat, wie man selbst? Einen Partner eben, mit dem man das Leben teilen möchte, ohne dass man sich verstellen, aufgeben oder entschuldigen, gar erklären muss – einen Partner für´s Leben eben! Gibt es das noch?

Ich hing noch seinen Ausführungen nach, als er plötzlich den Ball an mich abspielte: „Was sind deine Ziele, Martha?“ Seine Frage traf mich, als hätte mich jemand beim Klauen erwischt. Ich sah ihn an und musste vor Verlegenheit lachen. „Keine Ahnung, was genau meinst du damit?“, versuchte ich mich zu retten. Er lehnte sich zurück und sein Blick durchbohrte mich wie ein Pfeil. Ich fühlte mich wie an einen Marterphahl gebunden und die Krieger tanzten lüstern um mich herum. 'Ziele!' hämmerte es in meinem Hirn. Und auf einmal begannen Sturzbäche von einzelnen, keinen Sinn ergebenden Gedanken in einem riesigen Wasserfall zu münden, so als hätten sie alle nur auf dieses eine Signal gewartet, um gleichzeitig ihre Schutzdämme zu durchbrechen und diesen einen klaren Gedanken vor mir auszubreiten: '...Martha! - Wo sind die Dinge geblieben, für die du früher alles gegeben hättest? Wo sind DEINE Ziele Martha - du musst doch wissen, was du willst!'

Oh, nicht gleich so viele“, stichelte Nick weiter und lächelte siegessicher, als hätte er beim Schach 'Matt' gesagt.Nun“, begann ich, noch immer um Fassung bemüht. „Ich denke, ganz so einfach ist das nicht.“
Nur zu“, bat er. „Ich habe Zeit!“
Er wippte erwartungsvoll in seinem Stuhl und es kam mir vor, als wirbelten wir irgendwo durch einen Zeittunnel. Alles erschien mir plötzlich so klar, aber es fehlte die Zeit, die Gedanken so zu sortieren, um in der Kürze einen roten Faden daraus zu weben. Es gab so vieles, das mir gerade in diesem Augenblick dazu einfiel, aber ich entschied mich kurzerhand für einen anderen Ansatz, während es im Hinterkopf weiter arbeitete.

Oh, ich bin sicher, dass ich mehrere Ziele habe“, eröffnete ich mein Plädoyer. „Aber natürlich ist eines Primär und dem ordnen sich alle anderen unter, vor Allem Persönliche. Das ist so, wenn man Mutter ist. Denn mein Hauptziel besteht natürlich darin, meiner Tochter und mir ein relativ schönes Leben zu bieten und ihr die Unbeschwertheit der Jugend dabei dennoch zu erhalten. Das heißt nicht, dass ich ihr suggerieren möchte, dass alles, was sie will und gerne hätte, sofort zu ihrem Wohlgefallen erfüllbar ist und ich versuche auch nicht, ihr eine heile Welt vorzuspielen. Probleme gehören zum Leben dazu, genauso, wie das Lachen und es gibt immer Beides. “
Ich holte tief Luft und sah ihn an. „Ich denke, dass du weißt, was ich meine und um es als Ziel zu formulieren, das sich für mich dahinter verbürgt: Mein Ziel besteht darin, ihr die Welt so zu präsentieren, dass ich sie eines Tages ruhigen Gewissens ziehen lassen kann und immer weiß, dass sie ihren Weg finden wird. Ich möchte ihr nicht vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen hat, mal von den gesellschaftlichen Umgangsformen abgesehen. Mein Job ist es, sie 'auszubilden', ihre Interessen zu wecken und quasi die Basis zu sichern – ihr Job besteht darin, ihren Intellekt einzusetzen und das, was sie sieht und gelernt hat, zu verknüpfen und in Fähigkeiten umzusetzen. Aber ob Sie Anwalt wird oder Journalist, ob sie Mode machen will oder lieber Biochemie – ganz ehrlich: ich wünsche ihr – und dafür bin ich bereit alles zu geben - , dass sie das tun darf, was sie tun möchte, denn dann wird sie gut darin sein und glücklich werden. Ohne Spaß aber – und ich glaube, hier sind wir uns einig - geht gar nichts. Aber nimm mich: was soll ich ihr von Ausbildung erzählen? Ich ging zunächst ins Hotel, dann in die Industrie und heute schlage ich mich mit der Planung und Betreuung von verschiedenen Projekten durch. Es ist doch nicht wichtig, WAS sie wird, nur DASS sie es wird und dann daraus etwas macht. Wie heißt es so schön: 'Wenn du etwas anderes willst, musst du etwas anderes tun.' Aber ich schweife schon wieder ab!... “

Nachdenklich fiel nun auch ich in meinem Lehnstuhl zurück. Für einen Moment sahen wir uns an. „Das macht nichts!“, raunte er und dann wurde es mucksmäuschenstill. Ich hatte kein Gefühl dafür, was in Nicks Kopf vor sich ging. Auch in Meinem spazierten ja Gedanken parallel zu denen unseres Gespräches und zwar solche, von denen er im Moment nichts ahnte. Die Situation amüsierte mich. Zwei Menschen saßen in einem Raum, unterhielten sich über das Leben und jeder empfand, dass es ein gutes Gespräch war. Und nun saßen beide da und hingen unterschiedlichen Gedanken nach und doch hatte ihr Gespräch eine Wurzel: Sie waren auf der Suche nach neuen Zielen!

Eines Tages glaubte ich, eine Partnerschaft würde meinem Leben mehr Sinn geben als beruflicher Erfolg. Meine Denunzianten hatten mich gewissermaßen in die Knie gezwungen, wenngleich sie es nicht schafften, meinen Stolz zu brechen. „
Ach Martha, sie können so schön nett sein, wenn sie wollen. Sie sollten einfach mal öfter einen Rat annehmen, wenn Sie weiter kommen wollen im Leben...“

Ich fühlte mich mit einem Makel behaftet, dass ich die Charaktereigenschaft besaß, mein Leben zu akzeptieren. Ich hatte keine Ahnung, dass ich genau mit jener offenkundigen Pose, meine Neider erst richtig auf den Plan rief. In meiner Sehnsucht nach Liebe und Halt bot sich die Lücke zum Angriff jener Schwächlinge, die andere brechen müssen, um damit von ihren eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken. Es war doch auch viel interessanter, sich über die Ängste eines Siegers zu unterhalten, als die hundertundeinste Panne eines Versagers zu hören.
Aber das Alles wusste ich nicht. Ich hatte kein Gefühl, auf welcher Seite ich stand: War ich Akteur oder Zuschauer? Was gab es in meinem Leben, dass man hätte beneiden können - mal abgesehen davon, dass ich das, was ich tat, gerne tat – aber es war anstrengend, wahnsinnig anstrengend. Das Einzige was mich durchhalten ließ, war der Glaube an die Zukunft und der Halt durch Freunde. Ein wenig virtuell, aber ich wusste auch, dass es alles nur noch schlimmer wird, wenn ich mir selbst untreu werde. Hin und wieder, wenn sie es zu sehr trieben oder mich die Ungerechtigkeit mir selbst oder anderen gegenüber zu sehr peinigte, gönnte ich mir den Spaß, jene Heuchler mit einem zuckersüßen Lächeln so bloß zu stellen, dass sie sich quasi selber blamierten! Niemals könnte ich mich ihnen unterordnen, nur, um in ihrer spießigen Welt dazu zugehören und ihren kleinkarierten Mustern zu entsprechen, um weiter zu kommen!? Niemals!

Ich ging lange mit mir ins Gericht, um nach Alternativen zu suchen. Sieben Jahre schon boxte ich nun mich und meine Tochter alleine durchs Leben. Ich war müde. Und so kam mir eine Idee! Mit einem Mann an meiner Seite, so dachte ich, konnte es doch nur besser werden. Ich könnte mich scheinbar 'geschlagen' geben - mich aus dem aktiven Part zurückziehen - und würde nebenbei das gleiche, glückliche Leben führen, nur glücklicher und endlich mehr Zeit für mein Kind haben. Ein toller Plan!
Nur ging er nicht auf...
Wer spricht von Schuld?

Ewigkeiten später saß ich nun hier mit der zufälligsten Begegnung diesen Jahres und fand ebenso zufällig auf meinen Lebensweg zurück!! Das war unglaublich!

Es hatte sicherlich viele nachdenkliche Momente in jenem Jahr gegeben, gerade weil es ein sehr lehrreiches, aber leider ebenso erfolgloses Jahr war und viele Menschen deshalb glaubten, ein bisschen an meiner Person herum schrauben zu dürfen. Das tat weh! Ich wähnte, mir fehle es an Stabilität. Was sicherlich - als Teilziel betrachtet - auch richtig war. Aber im Grunde war es viel banaler! Ich hatte mich selbst weg gesperrt und es wurde Zeit, dass ich mich begnadigte.
Ich sah in mich hinein wie in einen Fernseher und konnte eins nicht mehr leugnen: Es ist wesentlich leichter, anderen einen Rat zu geben oder Mut zu zusprechen, als über sein eigenes Leben nachzudenken und sich die Fragen wirklich ehrlich zu beantworten, die man anderen so gerne stellt. Warum nur hat man solche Angst davor, zu erkennen, dass sich die Sichtweisen verschieben und die Veränderung die einzige Konstante in unserem Leben ist?

Ich sah auf die Uhr und kippte nach vorne zurück. „Wie sieht´s aus“, fragte ich meinen Gegenüber. „Wollen wir noch irgendwo eine Kleinigkeit essen gehen?“
Ich dachte schon, du willst hier übernachten!“, strahlte er, stand auf und binnen weniger Minuten schlenderten wir über den Potsdamer Platz. Es war wenige Wochen vor Jahresende und überall säumten weihnachtliche Stände die Gehwege. Die Straßen waren durchzogen vom Duft gebrannter Mandeln und anderen typischen Gerüchen. Wir tauchten ein in die bunte Menschenlawine und trieben mit ihr, bis wir schließlich beim "Italiener"ausscherten.


Absatz Zwei

Ich genoss Nicks Nähe. Manchmal kam es mir nicht so vor, als ob wir uns erst vor einigen Wochen kennengelernt hatten. Da war eine Verbundenheit, die niemand von uns aussprach, aber die wir beide gleichermaßen gewährten. Hatten wir zwar bereits geklärt, dass unsere Geburtstage nur einen Tag auseinander lagen, so hatten wir dennoch nie über das Alter gesprochen. Es fiel mir schwer, ihn zu schätzen. Ich ahnte nur, dass er jünger sein musste - aber wie viele Jahre es tatsächlich sind? Im Grunde war es mir auch egal.
Er führte ein Unternehmen, dessen Struktur dem Meinen glich, das ich im Zuge meiner Trennung von Ramon ins Abseits beförderte und mich fortan erstmal wieder festanstellen ließ, um die Kosten des Lebensunterhalts sicher kalkulieren zu können. Doch der Wind wehte mich zurück in die Selbständigkeit und so trafen sich im Herbst unsere Wege. Auf Grund der Tatsache aber, dass ich den Aufbau seiner Herangehensweise verstand, brauchte es keine große Taten, um mich von der Funktionsfähigkeit seines Handelns zu überzeugen. Ja, ich war fast froh, dass es da Dinge gab, wie Zielvereinbarungen und Abrechnungsmodalitäten, dessen Nutznießer ich zukünftig sein konnte, ohne mir über das Wie Gedanken machen zu müssen. Es genügte mir, dass ich damals, als ich bei der Gründung meinem Unternehmen ein Aufgabenfeld zugewiesen, einen richtigen Ansatz gewählt hatte und nun nahm ich dies als weiteren Beweis dafür, ruhigen Gewissens meiner Intuition folgen zu können.
Ich empfand es als
eine Fügung des Schicksals, dass wir – Nick und ich - nun hier zusammen saßen und zu Abend aßen, über tausend und einen Gedanken lamentierten, deren Verfolgern der Nächste entsprang und über deren Brüder und Schwestern die Zeit verrannte...

Als ich dann schließlich weit nach Mitternacht zu Hause war, ließ ich den Tag Revue passieren und erinnerte mich eines Briefes, den ich Ramon mal geschrieben hatte. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben arbeitslos geworden und es war fast auf den Tag genau fünf Jahre her, dass ich ihn geschrieben hatte. Es fiel mir damals schwer, mich mit der Situation abzufinden: alle Welt hängte Lichterketten auf, während ich auf der Suche nach einem Job war und der besinnlichen Zeit nichts abgewinnen konnte. In mir sträubte sich etwas, dass mich an mir und meinem Können zweifeln ließ. Ich fühlte mich leer und wahnsinnig nutzlos. Mir war etwas verloren gegangen und ich spürte, dass es fehlte, aber ich konnte nicht sagen, was
eigentlich genau.

Heute hatte ich es wieder gefunden: FÜNF lange Jahre später. Noch tanzten die Glückshormone Samba in meinen Venen und ich war viel zu wach, um einschlafen zu können. Also begann ich zu lesen:

"Was bitte ist eigentlich
eigentlich???
...wahrscheinlich ist es genau dieser Umstand: Das Eigentliche geht quasi in sich selber auf.
Es ist wichtig ein eigentlich zu haben. „War doch eigentlich gar nichts dabei!“ – heißt doch weiter nichts, als dass wir uns einbilden, einer ungeduldeten Tatsache mit diesem einen Wort die Schärfe zu nehmen; vielmehr noch, wir entkräften es durch eine elegante 180° Wendung.

FEIN! - Und wem ist geholfen???

Ein Hoch auf jene Glücklichen, die es gelernt haben, mit dem Eigentlichen zu leben.
Nur möchte ich nicht so leben. NIEMALS!
Werde ich aber müssen, um zu überleben. Man kann unmöglich ertragen,
immer und immer wieder enttäuscht zu werden. Und so passt man sich an.

Denn eigentlich ist doch alles okay – oder...???

Ein genauso schönes Füllwort wie ‚eigentlich’ ist übrigens ‚vielleicht’. ‚Vielleicht’ vor oder in eine Aussage gepackt, verleugnet doch nur die Angst, die ganze Wahrheit auszusprechen. „Vielleicht ist es besser so!“, heißt wiederum nichts weiter, als das vollkommen bescheuert ist, was gerade passiert. Und genau das ist es, was mich im Moment hemmt, lähmt, bremst. Ich kann nicht zu irgendwelchen Höchstformen auflaufen, weil irgendetwas in mir herumstrolcht wie ein Dieb.

Ich bin meinem Peiniger schon ziemlich nah auf den Fersen, doch es hilft nicht, ihn zu verfolgen, ich muss ihn quasi ‚stellen’, auf frischer Tat ertappen. Und so albern es sich anhören mag, genau davor hab ich Angst. Uns so lebe ich mit ein paar "eigentlich´s" und "vielleicht´s" und je länger ich mich mit dieser Situation arrangiere, um so normaler gehe ich damit um. Nun ist es aber so, dass ich nicht unbedingt ein Mensch der Tatenlosigkeit bin. Abwarten und Ungewissheit sind für mich der reinste Horrortrip. Also fahnde ich nach Gelegenheiten, mich aus dieser Lage zu befreien.

Blicke ich jedoch zurück, sehe ich in den letzten Jahren nur Veränderungen. Und was ist das Resultat? Endlose Mühen, viel Kraft, viel Zeit und jede Menge Erfahrungen, auf die ich mir sozusagen selber eine Referenz erteilen kann. Mein Wesen will es so, dass man mich immer als Stehaufmännchen kennt, als Kämpfer, als jemand, der sich durchschlägt, der immer wieder einen Ausweg findet; aber s
o lapidar es klingen mag, mein Akku ist leer und was mir fehlt, ist nicht die Aussicht, auf ein vielleicht. Wenn ich mich mobilisiere, muss ich die Chance auf einen „Sieg“ haben. Ansonsten kann ich mit meinen Kräften sehr gut haushalten und es sieht nach außen so aus, als ginge mich alles nur am Rande etwas an. Tief im Innern wehre ich mich aber gegen eine solche Zeitverschwendung. Das Schlimmste aber ist, wenn solchem gleichgültigen Geplänkel eine Niederlage folgt.
Im Klartext: Allein für den erquickenden Genuss, für nur kurze Zeit mit erhobenem Haupt ganz oben zu stehen, setze ich vor jeder Herausforderung das was ich kann, gepaart mit dem, von dem ich weiß, dass ich es nicht will, auf eine Karte und kann Kräfte wecken, von denen andere nur ahnen.
Bin eben ein Widder!

Ich glaube, dass ich deshalb auch so hervorragend abgammeln kann, wenn es keinen Anlass gibt, den Motor anzuschmeißen, aber genauso gut früh morgens irgendwo den Strahlemann mache, ohne mich zu verstellen: die „Erfolgsaussicht“ ist hierbei sicherlich eine ganz Sekundäre – der Spaß ist es! Fehlt dieser, tritt automatisch Phase eins in Kraft. Was nicht heißt, dass ich nicht morgens anwesend bin, aber das Lächeln trügt über die Tatsachen hinweg, das Lachen schläft.

Doch dieses kraftstrotzende, willensstarke Wesen sehnt sich auch nach Anlehnung, Geborgenheit und Schutz. Widder dulden kaum jemand an ihrer Seite, es sei denn, sie sind ihm ebenbürtig oder durch ihre gegensätzliche Art förderlich – quasi „Schutzpatron und Liebesgott“. Mit seiner stürmischen Art rennt er manche schon mal über den Haufen, holt sich die ein oder andere Beule und schießt auch gelegentlich über das Ziel hinaus. Er braucht dann jemanden, der ihn an seine Seite lässt, um seine Wunden zu heilen und neue Kräfte zu tanken. Er braucht keine Heuchelei, aber auch keine Standpauke. Als sensibler Perfektionist findet er so am Besten den Weg zu einem neuen Ziel.

Keine rosige Mitgift für eine Frau, die weder darauf aus war, Star-Emanze noch Karriere-Frau des Jahres zu werden, die sich damit begnügen wollte, glücklich zu sein und dass, indem sie jemandem zur Seite steht - durch Dick und Dünn.

Bitte entschuldige, aber wie Du weißt, vergnügt es mich, all die Dinge, die mir den Schlaf rauben, in kleine Bilderrätsel zu verpacken. Sie sind wie Schätze: Wer sie entdeckt und behütet, ist wirklich reich. Es ist die hinreißende Vorstellung eines müden Akteurs, der die Hoffnung nicht aufgibt, dass die bunte Welt, die sich ihm darbietet, auch Platz hat für jemanden, der bei der Verwirklichung seiner Träume etwas verlor, bevor er es besaß! Ich weiß, dass das jetzt polemisch klingt, aber ein wenig traurige Musik in einer traurigen Szene zu spielen, ist künstlerische Freiheit und belebt das Stück!

Die Realität legte nämlich eine ganz andere Platte auf. Es präsentierte mir ein Dickicht aus Käuflichkeit und Netzwerken - großes Motto: gehörst du nicht dazu, stehst du außen vor, trittst du ewig auf der Stelle und egal, wie viele Kräfte du auch mobilisierst - du kommst niemals auf die Überholspur. Es sei denn, du passt dich an! Immer und immer wieder gab ich mich zufrieden mit kleinen Häppchen, die man mir scheinbar zum Trost hinwarf, immer wieder steckte ich auf, wissend der Tatsache, dass irgendwann meine Zeit kommt. Ja bitte, aber wann denn?!
All die Erfahrungen und Enttäuschungen, all die Scheinheiligkeiten und Heucheleien – Nein! Irgendwann hatte ich genug und zog los, ohne zu wissen, wohin mich mein Weg führen wird. Ich wollte nur eins – ICH sein und nicht länger so, wie irgendwer meinte, dass ich es sein müsste.

Und nun? - Nun stehe ich vor der ernüchternden Tatsache, sehr viel Kraft gelassen zu haben und ich brauche einen ruhenden Pol, der mir Zeit gibt, meine „Beute“ zu bewerten und die Strategie anzupassen. Verlange nicht, dass ich bin, wie du mich gerne hättest, nur weil es besser ins allgemeine Bild passt. Ich war nie die „Angepasste“ und das hat mir bisher immer wieder zu einem „Namen“ verholfen. Es mag sein, das manches, das ich tue, nicht herkömmlicher Natur ist, nicht gebräuchlich. Aber
das findest du auch an jeder Ecke! Und so wie Du Deine Stärke daher nimmst, dass Du Deine Energien aus Deinem Wesen ziehen darfst, so lasse mir bitte meine Art, auch wenn sie unterschiedlich zu der Deinen ist, so ist sie doch auf ihre Art genauso erfolgreich.

Mit Picasso: wenn es nur eine Wahrheit gäbe, könnte man nicht soviel unterschiedliche Bilder zu ein und demselben Thema malen.

So sehr ich im Moment noch etwas Zeit zur Regenerierung brauche, um so weniger brauche ich dabei die Korrektur meiner Persönlichkeit. Denn auch du wirst mich nicht mehr grundlegend ändern. Nur hatte ich in den letzten Wochen etwas mehr Zeit – notgedrungen - über mich und meine Situation nachzudenken. Eine Niederlage wäre ok gewesen, aber dieser Schuss in den Rücken hat mir mehr zugesetzt, als ich wahrhaben wollte; Plötzlicher Stillstand ohne eigenes Verschulden und das bei dieser wirtschaftlichen Lage. Doch ich konnte nichts tun, außer zuzusehen und mit Würde das Spielfeld zu räumen. Ich brauche dringend eine Pause, um meinen Frieden mit diesem Erlebnis zu finden, Frieden damit, dass ich nicht in die Zukunft schauen und nur situationsbedingt handeln konnte, die Kraft, die ich einsetzte, also nicht 'verschwendet', sondern notwendig und die Fähigkeit dazu in meiner Person lag!..."

Ich starrte wie gebannt auf diesen Brief! „Was“, fragte ich mich, „hatte Ramon daran nicht verstanden?“ Wahrscheinlich war es der direkte Hilferuf, der ihm Angst machte. Hilfe - dieses Wort war er von mir nicht gewöhnt. Doch nun rief ich schon mal – das heißt, der Brief war ja nur die Folge dessen, dass wir nicht darüber reden konnten, ohne das er mich höhnisch auslachte, ob ich keine anderen Sorgen hätte, als mal ein paar Tage zu Hause zu bleiben. Er verspottete mich in meiner Angst und das machte mich traurig. Immer und immer wieder war ich für ihn da gewesen, wenn er Trost und Beistand brauchte. Nun brauchte ich Halt, brauchte ich ihn und fühlte mich einsamer denn je.

Doch augenblicklich verfolgte ich diesen Gedanken nicht mehr weiter. Viel wichtiger war, dass ich h
eute meinen 'Peiniger' gestellt hatte: Mein Unterbewusstsein hatte mir damals zu suggerieren versucht, dass ich meine Ziele verloren hatte, dass der 'Motor' verreckte, weil die 'Zündkerzen verölt waren.'
Es war so einfach, dass man es schon mal übersehen konnte. Unglaublich!

Gedankenverloren trat ich auf die Terrasse, streckte die Arme weit hinaus in das Dunkle der Nacht und sog die kühle Luft tief in mich hinein.
Der Mond war hell wie eine Laterne und tünchte die Umgebung in ein fast mystisches Licht! Die Wolken zogen lautlos an ihm vorüber. Die Stadt schlief. „Danke“, murmelte ich in die Nacht hinein und spürte, wie alles von mir ab fiel...

Licht und Schatten

Müde kämpft sich das Mondlicht durch den Wolkenschleier.
Wortfetzen verirren sich aus der Ferne und verlieren sich im Dunkel der Nacht.
Dumpf verhallen die Schritte der letzten Passanten…
Die Stadt schläft…

Erinnerungen erwachen als Schatten an der Wand
und schleichen sich schaurig-schön durch die Träume der Ruhenden.
Wenn ein Tag den Stab der Zeit an den Anderen übergibt,
wechseln viele Bilder mit ihnen.

Doch schon bald kündet ein zartes Licht vom unaufhaltsamen Lauf der Zeit.
Der schrille Weckruf einer mutigen Amsel eröffnet das Morgenkonzert.
Die Schatten verkriechen sich wieder geschickt in den Alltagsdingen.
Das Leben erwacht und unmerklich gebärt es neue Kinder der Gespielin der Nacht.

Wo Schatten ist, da ist auch Licht!

Wende dein Gesicht der Sonne zu,
dann fallen die Schatten hinter Dich …“

(aus China)

 

von Martha Sommerfeld veröffentlicht in: Episoden
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Mittwoch, 9. januar 2008

Ein Leben,
bei dem nicht gelegentlich alles auf dem Spiel steht,
ist nichts wert!


Vor ein paar Jahren stand eines Samstags meine Mutter plötzlich nachts an der Tür. Sie hatte Tränen in den Augen und wirkte in der Dunkelheit wie ein Häufchen Elend.

"Mama? Es ist gleich elf Uhr. Ist was passiert?“
Du sahst vorhin so kaputt aus“, schniefte sie, „da musste ich noch mal kommen, um zu sehen, ob es dir gut geht!“ Erleichtert, dass nichts Schlimmes geschehen war, umarmte ich sie: „Ach Mama!“, seufzte ich kopfschüttelnd, “Komm rein! Willst du was trinken?“ Sie schlurfte hinter mir her, während wir hinauf in die Küche gingen: „Ich weiß, ich bin ein komischer Mensch!“

Natürlich geht es mir gut!“, redete ich weiter, ohne darauf einzugehen. “Wir haben nur nachts nicht geschlafen, hatten einen ziemlich langen Rückflug in wirklich engen Sitzen. Wir kommen aus der Sonne und zur Begrüßung ist es hier gleich wieder so grau und so nass und so kalt. Da will man am Liebsten auf dem Hacken umdrehen und wieder zurück. Du weißt doch, wie das ist, wenn man aus dem Urlaub zurückkommt – und jetzt ist es Herbst!“

Ich setzte Wasser auf und stopfte zwei Teebeutel in die Kanne. Draußen regnete es noch immer. Ich lehnte an der Küchenplatte und sprach weiter: „Aber nun haben wir etwas geschlafen, zum Abendbrot Pellkartoffeln gegessen und so langsam aklimatisieren wir uns. Es ist alles okay, Mama, wirklich!“

Aber ich mache mir Sorgen um Dich, Kind! Wie es weitergeht mit Dir?!“
Ich nahm sie in den Arm: „Ach Mama, mach dir doch nicht immer so viele Sorgen. Mein ganzes Leben ist ein Drahtseilakt. Das war doch schon immer so. Und irgendwie hatte ich gehofft, dass ich etwas anderes sein könnte, keine Ahnung, der Pfleger der Artisten sozusagen. Aber jeden Tag sah ich dieses Seil, jeden Tag gab ich den anderen Tipps, wie sie sich darauf zu bewegen haben, ohne herunter zufallen. Aber mir fehlte etwas. Und so kletterte ich hinauf und lief darüber. Ich kann nicht mein Leben lang vor mir weglaufen. Ich bin Drahtseiltänzer und ich glaube, ein ganz Guter. Denn ich weiß, dass ich das Seil niemals aus den Augen lassen darf und ich habe gelernt, die Balance zu halten – und manchmal, da muss ich was riskieren. Wie soll ich wissen, wo meine Grenze liegt, wenn ich sie nicht gelegentlich überschreite. Verstehst du das?“

Sie sah mich liebevoll an und holte tief Luft: „Ja ja, das hast du von deinem Vater!“ Sie entspannte sich etwas und versuchte zu lachen: „Wir sind eben komische Menschen...“
Dann zauberte sie eine Schachtel Nougat-Konfekt und eine Flasche Sekt aus Ihrem Beutel und sagte, während sie mir erst die Pralinen und dann die Flasche reichte: „Hier, die sind von deinem Vater und der hier ist von mir.“
Irre! Seit ich ein Kind war, hat mein Vater mir immer Schokolade geschenkt. Es war quasi seine Tradition! – Aber eine sehr Liebenswürdige! Jeden Tag, wenn ich aus der Schule kam, lag immer eine Tafel im Kühlschrank. „Quatsch", sagte er dann verteidigend, wenn ich ihm vorwarf, dass er Schuld sei, wenn ich kugelrund werde, "
Schokolade ist Nervennahrung“... Später haben wir dieses Ritual dann bei meiner Oma gegen ein Gläschen Sekt getauscht. Meine Oma ist nun leider tot. Meine Mutter führt es fort. Völlig unvernünftig, aber trotzdem soooo wichtig!

Ich sah meine Mutter an und studierte ihre Züge und nach einer kurzen Pause brachte ich meinen Gedanken zu Ende: „Ich kann nicht hier bleiben und zusehen, wie mein Leben an mir vorbei läuft, nur weil Ramon beschlossen hat, sich zu vergraben. Ich komme nicht mehr an ihn heran, verstehst du? Er redet immer schön, wenn er Angst hat, mich zu verlieren. Aber er tut nichts, dass es anders wird. Ich kann nicht mehr, Mama.“ Ich goss den Tee auf und füllte Kandiszucker in die Tassen. „Du kannst mir glauben, dass ich nicht so leichtsinnig bin und sechs Jahre einfach an den Henker gebe. Aber weißt du, er sagt immer, dass er sich wünscht, dass wir mit siebzig zusammen auf einer Parkbank sitzen und dann gemeinsam unserer Jahre gedenken. Nur er sitzt dort bereits und hofft, dass ich ihm die nächsten dreißig Jahre das Essen bringe und diese Erlebnisse forciere. NEIN, das will ich nicht. Nicht so!“ Ich zog mich hoch auf den Küchentisch und ließ die Beine baumeln. „Ich habe wirklich alles versucht – aber lieber ein Ende mit Schrecken, als umgekehrt...“

Ich sah hinaus in die Nacht und die Erinnerungen spiegelten sich scheinbar in der Fensterscheibe. Ich hatte keine Ahnung, ob sie eine Vorstellung davon hatte, wie schwer es mir fiel, zum einen darüber zu reden und zum anderen, mir diese Niederlage einzugestehen. Denn für mich war es das. Ich war nicht in der Lage, eine dauerhafte Beziehung zu führen. Egal, wie ich es drehte: Ich hatte versagt! Aber es nutzte doch auch nichts, in Selbstmitleid zu ertrinken oder gar aus Stolz die Augen vor den Tatsachen zu verschließen. Ich musste einen Schlussstrich ziehen, um nicht selber auf der Strecke zu bleiben. „Ich will noch leben, mum!“, flüsterte ich und plötzlich kullerten die Tränen heiß über meine Wangen.


Ich hatte lange gebraucht, bis ich wusste, was meine Suche nach dem Glück von der von Ramons unterschied: Ich tat, weil ich liebte, er liebte, weil ich tat! Das konnte nicht funktionieren. Ich musste verlieren dabei und allein die Tatsache meines "Zur-Ruhe-Kommen-Wollens" war ein wesentlicher Grundstein dafür, dass es diese Zeit überdauerte. So lange ich die Risse kittete, die Warnsignale überhörte, die Dinge richtete, die er versäumte, meinen Kurs nach seinem richtete, war der Sturm nach außen nicht sichtbar. Ich spannte mich vor "unseren" Karren, fing alles ab und verfiel in Lethargie - ja quasi Kraftlosigkeit aus Hilflosigkeit - und die Jahre zogen ins Land. Es war vergleichbar mit einer Art von Trance aus Gewohnheit. Er nahm und nahm, nur vergaß er viel zu oft, den Akku wieder aufzuladen, dessen Kraft er nutzte, ignorierte es, den Dingen, an die er sich so sehr gewöhnt hatte und die ihn schützten, die nötige Aufmerksamkeit/Anerkennung zu schenken. Ich glaubte, dass ich es schaffen müsste, unsere Beziehung im Gleichgewicht zu halten. Zu oft schon hatte ich scheinbar kampflos meine Beziehungen beendet. Doch der Zustand wurde immer prikärer und alles reden half nichts.

Eines Tages also takelte ich auf und wendete mein Schiff, das vor Jahren den sicheren, ruhigen Hafen gesucht hatte. Es braucht keinen Hafen, weiß ich heute, es braucht den Halt aus Nähe! Häfen, Meere, Flüsse, Städte. Es sind nicht die Orte, die wichtig sind, es sind vielmehr das "Schiff" - auf dem - und die "Crew" - mit der - man segelt. Ich machte ordentlich Rabatz dabei und kein Hehl daraus, dass ich anheuerte, auf der Suche war nach neuen Zielen, bereit für eine neue Reise. Nur er sah nicht mehr hin. Ich hatte keinen Plan, wohin mich der Wind tragen würde, keine Idee, wonach ich wirklich suchte. Ich schöpfte Kraft aus dem Wissen, dass ich es nicht mehr länger ertragen wollte/konnte. Der Startschuss schließlich fiel an einem sonnigen Spätsommertag - damals in Hamburg - und so fasste ich Mut und segelte los...


Und noch immer ist diese Reise nicht beendet. Aber ich fühle mich sehr wohl auf "offener See". Hin und wieder laufe ich einen "Hafen" an, aber irgendwie verspüre ich dann schnell den Wunsch nach den gewohnten Weiten des Meeres und segle wieder los. Ich habe viele Eigenschaften an mir wiederentdeckt, die ich lange verkümmern ließ - aus Angst vor Ablehnung. Und so hatte mein Aufbruch wenigstens schon ein Gutes: Ich habe mich gefunden! und ich weiß nun, dass eine "Liebe" nur dann halten wird, wenn beide sich als die Personen respektieren, als die sie sich kennen gelernt haben. Denn allein durch die Zeit verändern wir uns schon genug und diese Schritte mit jemandem zugehen, dürfte genügend Herausforderungen bieten; aber sich für jemanden zu verbiegen, damit er einen akzeptiert, welche Form von Liebe sollte das sein?! 

von Martha Sommerfeld veröffentlicht in: Episoden
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Samstag, 5. januar 2008
Es war nicht so sehr, dass er log,
es war einfach keine Wahrheit da,
die es lohnte, ausgesprochen zu werden.

- Ernest Hemmingway -


Hallo  liebe Lesefreunde,

falls ihr mal einen richtigen Freak kennen lernen wollt, fragt mich! Ich bin der Garant zum Kennenlernen freakiger Menschen. Mit treffsicherer Genauigkeit kreuzen sie alle meinen Weg. Ich habe mich gefragt, ob es wohl daran liegt, dass ich sehr leidenschaftslos mit der Erkenntnis umgehe, dass ich die Ereignisse in meinem Leben nicht steuern kann. Diese scheinbare Gleichgültigkeit weckt sie alle auf. So nach dem Motto: "Das glaube ich ihr nicht. Die Nuss knacke ich!" Dann ist das mit dem Knacken so eine Sache und Schwupp-die-Wupp sind sie auch schon wieder verschwunden - die Prinzen, die Helden, die Ritter - haben ein rührendes Feuerwerk abgebrannt, ein wenig mit den Ketten gerasselt, mit den Säbeln geschwungen - Oooh, aber es rührte sich scheinbar nichts unter der Schale! Vertrauen und Zeit sind Fremdworte! Was zählt, ist der schnelle Erfolg. Und jeder pflegt eine andere Eigenart. Ich meine, wir haben alle unsere Macke, aber diese Herzchens kultivieren sie - das ist der Hammer: der eine leidet an Narzismus, der nächste an Kaufsucht, der andere an beispielloser Prahlerei; gemäß dem Motto: Geld macht sexy glaubt manch Grottenolm, dass sich Frau nichts sehnlicher wünscht, als von einer Nachbildung Quasi-Modos angemacht zu werden. Und der hatte wenigstens noch ein gutes Herz!
Keine Ahnung, Freunde, aber es ist nicht normal!


Vielleicht liegt es ja daran, dass Mann - von Natur aus Jäger - natürlich auch davon fasziniert ist, mal den Tieren nicht nur nachzustellen, sondern zum Beispiel einen spielenden Hasen zu jagen, einen der nicht furchtsam davon hoppelt, wenn es knallt, sondern der sich umdreht, ihm direkt vor die Flinte läuft, den Lauf zur Seite schiebt und mutig spricht: "Oh, Hallo Herr Jäger, das ist aber fein. Du hast heute Hunger auf Hasen? Du bist nicht zufällig an einem besonderen Häppchen interessiert?

"Hmm", antwortete der Jäger etwas irritiert, "was bist Du denn für ein freches Klopferchen?" Verwundert kratzte er sich am Hinterkopf und legte die Flinte erneut an, um dem Hasen vor ihm direkt einen über den Pelz zu bügeln. Vor Freude, dass der Jäger angebissen hatte, machte der kleine Hase einen gekonnten Salto durch die Luft und der Schuss verfehlte sein Ziel.
"Au fein", jubilierte es, "ich danke Dir. Es ist so langweilig hier im Wald, weißt Du? Morgens ziehen wir zur Lichtung, um dort zu grasen. Dann heißt es Rückzug in den Wald und Verdauungsschläfchen im Unterholz, den Bau putzen, die Kinder bespaßen und abends gehts noch einmal zur Lichtung. Danach wieder ab in den Bau und dann machen alle die Äuglein zu bis zum nächsten Morgen und so geht das ewig fort. Hin und wieder trifft man mal ein paar andere Waldbewohner. Aber auch deren Tage sind nicht wirklich viel aufregender. Alle schlafen, fressen und haben Angst, gefressen zu werden."
Er holte tief Luft und der Jäger traute seinen Sinnen nicht. Halluzinierte er? Das Häschen war gut gewachsen und seine Fellzeichnung war sehr liebreizend. "Hmm", antwortete er: "ich bin sehr gespannt, dann zeig mir doch mal das besondere Häppchen!"
"Oh gern", feixte das Tierchen, "ICH bin es! - Sieh mich genau an!" Es posierte amüsiert in der Abendsonne und dann sprang es mit einem hohen Satz zur Seite, stellte sich auf die Hinterläufe und sprach munter weiter: "Ich bin Deine Beute. Aber vorher mußt Du noch ein bißchen mit mir spielen, einmal, bitte, bitte, bitte!" Der Jäger überlegte einen Moment und schließlich stimmte er zu: "Na gut, wir spielen ein bißchen, aber wenn ich Dich vor die Flinte bekomme, bist Du erledigt."

"So können wir es tun, aber bedenke, wieviele Häschen kennst Du, die Dich unterhalten, während der Jagd? Wenn Du mich heute erledigst, wird es vielleicht nie wieder vorkommen und Du wirst ebenso gelangweilt wie ich es heute bin, Deinen Job verrichten. Das Spiel aber wird Dich schulen und Dir neue Wege zeigen und Du wirst immer besser werden. Immer wenn Du zum Zuge kommst, wird es Dir sein, als erlegtest Du mich und Du wirst zufrieden abends Deine Beute bepreisen. Aber wann immer Du wieder in den Wald kommst, werde ich da sein und Dich auf Deinem Weg begleiten. Wir profitieren beide davon, findest Du nicht?" Der Hase schenkte dem Jäger einen letzten offenen Blick. Dann hoppelte er ins Unterholz und rief: "Na komm schon, Du kannst es Dir doch unterwegs überlegen..."
Der Jäger streifte los und grübelte tatsächlich ununterbrochen, für welche der Optionen er sich entscheiden sollte. Es kam ihm überhaupt nicht in den Sinn, dass der Hase das Spiel längst dirigierte. Glaubte er wirklich, dass er einen so klugen und mutigen Hasen erlegte, wenn dieser es nicht wollte?!

Und so zogen sie gemeinsam durch die Wälder, viele, viele Jahre lang und noch immer glaubte der Jäger, dass er die Entscheidung getroffen hatte, das Miteinander so zu gestalten. Es war auch alles so gekommen, wie es sein kleiner Kamerad vorher gesagt hatte: er wurde ein erfolgreicher und angesehener Mann und geachtet von allen, ob seiner Observationskunst. Der Hase aber war sehr glücklich über sein kurzweiliges Dasein und so lebten sie lange und zufrieden und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute...

Bitte entschuldigt, liebe Freunde, dass ich etwas abgeschweift bin. Aber ich finde trotzdem, dass es diese kleine Geschichte auf den Punkt bringt: der Jäger wird auf sanfte Art von (s)einem Vorhaben abgebracht, ohne dabei Schaden zu nehmen. Im Gegenteil, er brilliert.

Portiert man dies nun in unsere Zeit, dann ist doch die Ausgewogenheit, das "gefühlte Glück", einer Partnerschaft/Gemeinschaft ganz besonders davon abhängig, wie kurzweilig man dieses Miteinander gestaltet. Natürlich, jeder muss nach seiner Fasson glücklich werden, und es finden sich ja im allgemeinen nur die Paarungen, die auch ähnliche Interessen/Ansichten haben, aber Monotonie in Alltagsabläufen bewirkt immer Unzufriedenheit und bürgt für eine gewisse "Einsturzgefahr".

Jäger sehnen sich nach verständlichen Angeboten, aber sie wollen auch ihren Spaß, nicht immer, aber wenn sie ihn suchen und nicht dort bekommen, wo sie normalerweise suchen, dann suchen sie woanders. So kann es nun passieren, dass sie einen Hasen treffen, der auch keine Lust mehr hat, sich regelmäßig an einen neuen Jäger zu gewöhnen. Und beide sind gleichermaßen froh: der Jäger, dass er einen klugen Hasen traf und der Hase, dass er einen einsichtigen Jäger fand und dann "spielen" sie gemeinsam bis an ihr Lebensende...

Und wenn der Jäger unentschlossen ist und nicht sicher, was er will, wenn er also noch grübelt, welche Sorte Hasen er jagen will - die Schreckhaften, deren Wege er oder die Mutigen, die seinen Weg mitbestimmen - dann nimmt er zwar die Hasen so, wie sie ihm vor die Flinte kommen, aber die Zufriedenheit stellt sich nicht ein. Unsicherer fühlt er sich bei den klugen Hasen, denn er muss sich ständig auf seine Deckung konzentrieren, da ihm sonst das Häschen vor's Visier hoppelt und gelangweilt abwinkt: "Man, das ist doch ein ganz alter Trick. Gib Dir doch mal ein bißchen Mühe!"...

Tief in ihrem Innern ahnen sie - diese unentschlossenen Jäger -, dass sie die klugen und mutigen Hasen glücklicher machen würden, aber sie laufen davon, in der Hoffnung, irgendwo Ruhe zu finden, um ganz genau abwägen zu können. Und weil die Unsicherheit die Abenteuerlust überwiegt, halten sie sich in letzter Konsequenz doch lieber an die schreckhafteren Häschen. Es ist also nicht so sehr, dass sie lügen, sondern in ihrer Empfindung ist keine andere Wahrheit da... ---> siehe heutiges Zitat!

Ich werde heute mal wieder ein wenig auf die Piste hoppeln, mal sehen, was so los ist  :o)
Allen ein schönes Wochenende,


Eure Martha




von Martha Sommerfeld veröffentlicht in: Episoden
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