Dienstag, 12. februar 2008
Gestern kam mir plötzlich diese Frage in den Sinn:  Ist  die Verliebtheit  soetwas wie der Copperfield-Effekt unserer Gefühle - quasi die perfekte Täuschung? Ich bin mir nicht sicher, ob ich meine Gedanken dazu in Worte gefaßt bekomme. Aber, ich will es mal versuchen...

Zunächst möchte ich voranstellen, dass ich wirklich von dem beflügelten Moment des glucksenden Bauchgefühls spreche, von dem plötzlichen Zusammentreffen zweier Menschen, die sich glücktaumelnd Geschichten erzählen, ausgefallen lachen und und und, von Menschen, die keine tiefe Verbindung zueinander pflegen. Ich denke also nicht an die LIEBE - sondern an das Gefühl davor!

Ich kam darauf, weil man ja gerne sagt, dass wir alle irgendein "Beuteschema" haben. Aha! Mag sein, im Fall von "Bobele" zum Beispiel sehen sich ja tatsächlich alle Freundinnen/Frauen sehr ähnlich :o) aber wenn ich mir meine Weggefährten mal so anschaue - hmm? Ähnlichkeiten sind da nur bedingt erkennbar... Eher im Gegenteil: ich könnte sie an anderen Dingen "bewerten". Da war der Nihilist, der Maler, der Trinker, der Herzensgute, der Schüchterne, der Prahler, der Spieler, was weiß ich... und als ich wirklich glaubte, dass es keine weitere Kategorie mehr gibt, traf ich per Liebe auf den ersten Blick - den Magier!

Ich weiß, wie verträumt unrealistisch "Liebe auf den ersten Blick" klingt. Aber es war so. Ich war auf einem Kundenevent und schüttelte pausenlos irgendwelche Händchen. Dann wehte ER vorbei und ich war wie vom Blitz getroffen. Er machte eine Kehrtwende zu unserem Tisch, Funken flogen, als sich unsere Blicke kreuzten, wir uns begrüßten; binnen des Bruchteils einer Sekunde war ich um meinen Sprachschatz beraubt, meine Knie waren weich wie Butter und in meinem Bauch strahlten 1000 Sonnen. Ich stand da wie in Wachs gegossen und konnte nichts dagegen tun. Irgendwann später übergaben wir unser Gewissen den Dämonen der Nacht und es folgten nervenzerreißende 20 Monate. Wir flogen bis zum Mond und einmal durch die ganze Galaxie; die Milchstraße war unser Highway und der Vollmond unsere Kirchturmuhr; wir verwebten unsere Blicke in Parks, Restaurants, Cafés; erlebten Unglaubliches an hunderten Orten; unsere Körper verschmolzen miteinander, unsere Seelen knüpften ein telepathisches Band... Doch alle Magie reichte nicht, um die Ängste - entwachsen aus Kratern der Vergangenheit - zu besiegen. Zu unwahrscheinlich erschien, was Tag für Tag geschah!...
Das alles ist nun schon wieder ein paar Jahre her und doch gibt es Tage, da ist es näher als alles andere. Noch immer gibt es Momente, da es mich zerreißt, wenn mich die Erinnerungen daran einholen. Eigentlich glaubt man sich weit weg von alledem, autark gegen die tausend gefühlten Momente, versteinerte, konservierte Gefühle, in den letzten Winkel des Hirns verfrachtet, folienverpackte Erinnerungen. Nichts dringt mehr aus diesen Zeiten in den Alltag ein. Doch plötzlich ist es wieder da, allgegenwärtig:  PENG! -  Vor Deinem inneren Auge spulen sich gnadenlos die alten Bilder ab. Wie im Film hörst Du sie hämisch lachen - die Erinnerungen - fühlst, wie sie dämonenhaft durch Deine Gedanken tanzen, wie sie sich darüber amüsieren, dass Du völlig überrascht um Fassung bemüht bist. Tränen fluten Deine Wangen und es gibt nichts, absolut gar nichts, was sie stoppen kann. Eine innere Fräse pflügt durch Deine Gedärme, ein tiefes Brodeln breitet sich aus der Mitte Deines Körpers aus und pulsiert bis in die allerletzte Zelle Deines Ichs. Dein Innerstes will nach außen; es zerreißt Dich: PUFF!
Eines Tages hört es auf, dass weißt Du, eines Tages ist es überstanden, aber wann ist dieser Tag? ...und mit der Zeit verblassen auch die Bilder, die "Ausbrüche" werden kürzer, die Abstände immer länger - tick, tack, tick, tack, tick, tick, tack,     tack,        tick,         tack,             tick,          tack....

Denn das Leben geht ja weiter. Anfangs konnte ich mich niemandem mehr öffnen und ich glaubte, dass nichts mehr folgen könnte, was diesem Rausch - diesem nie endenden Verlangen - in irgendeiner Weise konkurrent werden könnte, gar das es etwas gäbe, dass es zu toppen vermag. Ich zog durch die Zeit und glaubte an gar nichts mehr. VÖLLIGE LEERE!...
Mittlerweile versuche ich nicht mehr, irgendwas zu toppen. Wenn ich spüre, dass ich Nähe brauche, suche ich mir einen Gesprächspartner und das Lustige ist, dass sich mir ein Spektrum eröffnet hat, das ich nicht einmal im Ansatz erahnte - davor! Ich habe die Menschen nie nach ihren Oberflächlichkeiten ausgesucht, eine gewisse Grundchemie muss stimmen, das ist ja klar, aber wenn ich mich umschaue, kenne ich dunkelhaarige und blonde, dicke und dünne, große und kleine, attraktive und weniger attraktive Menschen, Menschen verschiedener Nationen, verschiedenen Alters, aber eins kann ich über sie alle sagen: sie sind ein Teil von mir und in bestimmten Momenten sehr wichtig. Fehlten sie, fehlte mir etwas. Aus dem Buch "Der Schnupfen" von Stanislaw Lem stammt folgendes Zitat: "Mitunter haben wir einen Bekannten, mit dem uns weder gemeinsame Interessen noch besondere Erlebnisse verbinden, mit dem wir nicht im Briefwechsel stehen, den wir selten und nur zufällig treffen, und dennoch ist es wichtig für uns, wenn auch nicht leicht zu erklären, dass es ihn gibt." Besser könnte ich es nicht beschreiben!

Aber spinne ich diesen Gedanken mal weiter, dann könnte es doch sein, dass wir eines schönen Sonnentages diesen "Bekannten" in unser Herz gelassen hätten, dass es nicht so gelaufen wäre, wie es lief und schon wären wir vielleicht glücklich vereint!? Oder wir wären wenigstens federleicht durch die Welt gezogen, hätten gelacht und gealbert, vielleicht sogar verliebte Küsse ausgetauscht. Natürlich, morgens wäre da eine nebulöse Nüchternheit gewesen und auch das schwebenede Gefühl hätte sich nach ein paar Tagen wieder gelegt. Ein paar Wochen später käme es uns vor, als hätten wir nur etwas Schönes geträumt. Und der nächste Abend käme und wieder käme Einer des Wegs und wieder würden Schmetterlinge zu tanzen beginnen...
Was aber wäre, wenn dieser Erste geblieben wäre, wenn er nicht hätte gehen müssen an diesem Morgen; Wäre dann der Zweite auch in unser Leben getreten oder wäre alles ganz anders gekommen!?

Tja, es bleibt immer eine "Was-wäre-wenn-Frage". Und weil alles von sovielen Zufällen abhängt, weil es doch wirklich so ist, das nie mehr geschehen kann, als der andere auch will und sich die Erde trotzdem weiterdreht, darum ereilte mich, während ich über diese Thematik tagträumte, die Frage nach der Illusionsfähigkeit unserer Gefühle. Wir alle brauchen Nähe, Wärme, Geborgenheit und das Gefühl, geliebt zu werden; wir wollen so gern mit jemdandem unter den Schutzmantel der Vertrautheit schlüpfen. Und in diesem Moment sind wir in der Lage, das Tor zu unserem Herzen zu öffnen. Wir leben lieber mit der Illusion als mit Niemandem!
Aber eines Tages treffen zwei Seelen aufeinander und dann verschmilzt unmerklich die Phantasie mit der Realität; dann vollzieht sich die Metamorphose von einer flatterhaften Illusion in eine tieflodernde LIEBE...
Daran will ich glauben, noch immer!


Einen schönen Tag, Eure Mar-S.


von Martha Sommerfeld veröffentlicht in: Alltägliches
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Kommentare

Starker Text! Kann ich ihn für meinen gymasialen Unterricht (ab Klasse 10 aufwärts) haben?
Kommentarnr.: 1 Gepostet von: Winfried Schley (Website) am: 13.02.2008 13:12:29
Vielen Dank! ...ich könnte es ja doch weder prüfen, noch verhindern :o)
und natürlich freut es mich!!! Sie können ja im Gegenzug ihre Schüler auf meinen Blog verweisen... *lach*

Mich interessiert es sehr, in welchem Zusammenhang Sie ihn verwenden werden!?
Klären Sie mich dazu auf?

Viele Dank und viele Grüße, Ihre Mar-S.
Antwort von: Martha Sommerfeld (Website) am: 14.02.2008 13:23:44
Es gibt zwei Themen, in die Ihr Text passt:

"Freundschaft, Liebe, Sexualität" in Klasse 10 und
"Liebe, Ehe, Elternschaft" in der gymnasialen Kursstufe 12/13.
Kommentarnr.: 2 Gepostet von: Winfried Schley (Website) am: 15.02.2008 20:53:34
Viel Spaß! :o)
Antwort von: Martha Sommerfeld (Website) am: 16.02.2008 14:08:30
Hallo

Schöner kann man das Leben nicht beschreiben.
Es sind alles Facetten drinnen, was das Leben so bietet.
Ich wollte einmal ein Buch schreiben mit dem Titel: Der Geruch des Schmetterlings.

Ein Schmetterling. Farben gehen, zerfließen.
DA war doch was, ein Schmetterling. Egal.usw...

-so wie diesr Schmetterling tanzt, voller schöner Farben, so ist es mit der Liebe.

Sie ist schön , sie ist bunt, sie fliegt davon, lässt sich wieder mal nieder.
Bleibt auch mal länger.
Aber, bevor sie das ist, war sie eine Puppe.

Sie wusste noch nichts von Ihrer Existenz.

Sie existiert IMMER.

Zeit steht still, nur die Formen ändern sich.

Wünsche dir die Erkenntnis des Erkennens.
Vor allem Weisheit.

Alles Liebe

fridolin
Kommentarnr.: 3 Gepostet von: fridolin (Website) am: 25.02.2008 00:16:09
Hallo Fridolin, Danke für den lieben Eintrag. Das mit dem Schmetterling ist ein super Vergleich...
Was ist aus dem Buch geworden!? :o)
Lieben Gruss zurück, Martha
Antwort von: Martha Sommerfeld (Website) am: 25.02.2008 07:21:09
Die Realität ist eine Illusion

Alles Liebe

fridolin
Kommentarnr.: 4 Gepostet von: fridolin (Website) am: 25.02.2008 00:20:19
Bitte sehr

Das Buch hatte nur 3 Seiten. Ich habe damals angefangen zu schreiben, weil ich in einer deprimierten Phase war.
Das hat mir geholfen.

Alles Liebe
fridolin

PS: Jetzt ist aber bald eins fertig, muss es nur noch verlegen lassen. :-) Magst du eins ?

Titel: Das Leben spricht
Kommentarnr.: 5 Gepostet von: fridolin am: 25.02.2008 17:52:51
Ja klar, sehr gern! Cooler Titel !...
Antwort von: Martha Sommerfeld (Website) am: 25.02.2008 22:50:46
Ein sehr sehr starker Text den ich nur allzugut nachempfinden kann.
Glaube weiter daran und gib nicht auf :)

Grüße,
Streuner
Kommentarnr.: 6 Gepostet von: Streuner (Website) am: 19.05.2008 03:09:52

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