Kurz vor Weihnachten erhielt Meta eine Einladung für den Anfang Februar
stattfindenden Firmenball. Es war eine alte Tradition von Brunner'S Mineralquell, dass sie immer im Februar eines jeden Jahres den Gründungstag ehrten. Als sie sich anmeldete, erkundigte sie
sich, ob sie bereits bei der Organisation unterstützen könnte. „Ach Meta, das ist wohl nicht nötig. Carlos hat das in diesem Jahr noch alles getan. Aber ich kann ihn gern fragen und dann kann er
sich ja bei Ihnen melden.“
„Ach nee“, begrüßte er sie Carlos mit gespielter Freundlichkeit, als sie am Tag der
Feierlichkeiten mit einer Freundin durch die Tür trat. „Ach ja“, äffte sie zur Antwort seinen Tonfall nach, während sie sich in die Anwesenheitsliste eintrug. „Eigentlich müsstest Du heute hier stehen“, stichelte er.
„Wieso ich?“, lächelte sie fragend zurück. ohne inne zuhalten.
„Na weil Du jetzt für diese Aufgaben zuständig bist. Gustav erzählte, Du hättest den Vertrag unterschrieben.“
„Aber der beginnt doch erst im April. So gesehen ist das Deine letzte Amtstat. Und überhaupt, Du hättest mich doch anrufen können, dann hätte ich mitgemacht.“
„Sicher!“ Er zog den Kopf zurück und nickte ungläubig.
Sicher!“, antwortete Meta siegessicher, schnappte sich ihre Handtasche, hakte ihre Freundin unter und ließ ihn stehen: „Und außerdem machst du das doch gerne!“ Sie posierte
kurz mit aufgesetztem Grinsen und zog dann ihre Freundin in die Richtung des Tanzsaals. Sie war wütend! - aber das wollte sie hier ganz sicher niemandem zeigen.
Wann immer sie sich – Carlos und Meta - an diesem Abend über den Weg liefen, konnte
er es nicht lassen, sie zu necken; allerdings gehörte viel Phantasie dazu, seine Äußerungen als Spaß zu verstehen. Am Ende der Veranstaltung begegneten sie sich erneut in der Vorhalle und wieder
konnte er nicht umhin, sie anzusprechen: „Na dann, gute Heimfahrt. Eigentlich müsstest Du hier bleiben, bis der letzte gegangen ist und die Abrechnung mit dem Veranstalter machen. Aber ich mach
das. Gute Nacht!“
Ihre Geduld kochte über und sie platzte los: „Was, Carlos de Winter, willst Du eigentlich von mir? Hab ich Dir irgendwas getan?“
„Nöh, wieso?“
„Den ganzen Abend machst Du mich blöde an. Hör zu, ich kam nicht hier her spaziert und habe behauptet, Du könntest Deinen Job nicht und müsstest dringend ersetzt werden. Es war
ja wohl mehr anders herum: DU wolltest nicht mehr und irgendjemand MUSS Dein Nachfolger werden. Nun sei bitte auch so fair und stehe dazu und vor allem, gib demjenigen - also nach jüngsten
Entwicklungen – mir! - eine Chance. Du sagtest zum Sommer willst Du raus sein. Darum beginnt der Vertrag im Frühjahr. Wenn Du früher raus willst, musst Du mal einen Ton sagen. Ich kann doch nicht
hellsehen!“
Sie sah ihn wütend an und er nestelte unsicher in den Papieren auf dem Tisch herum. „Naja“, lenkte er ein. „Dann müssen wir uns mal treffen.“
Ihre Freundin verabschiedete sich und drückte sie herzlich: „Klärt das jetzt mal. Alles andere ist doch albern. Ich fahre schon mal los. Wir hören uns morgen?
„Klar, machen wir. Pass schön auf! Ok?“
Na sicher doch! Du auch!“ Carmen winkte fröhlich und entschwand durch die Tür.
„Okay“, nahm Meta das Gespräch mit Carlos wieder auf, „beginnen wir mit der Einarbeitung. Ich bleibe hier und schaue mir an, was Du heute noch tust und Du erzählst mir derweil ein wenig darüber, was ich aus Deiner Sicht sonst
noch wissen sollte. Ja?!“
„Wie, jetzt?“, fragte er irritiert.
„Ja“, blieb sie standfest. „Ich lasse mich doch nicht von Dir vorführen. Also bitte, ich höre!“ Gelassen stützte sie sich mit den Armen am Tisch ab und genoss es, dass er damit
nicht gerechnet hatte. Schließlich begann er zu erzählen, dass seine Feindseligkeit im Grunde nichts mit ihr persönlich zu tun hätte, sondern viel mehr mit den Ereignissen in der
Vergangenheit. „Weißt Du, ich bin ja schon länger nicht nur für ihn tätig“, begann er, „aber ich habe die Aufgaben weitergeführt, damit Gustav jemand anderen finden
konnte. Das macht man nicht mal so nebenbei.“
„Ist mir schon klar!“, warf Meta ein.
„Vor zwei Jahren dann“, fuhr Carlos fort, “traten hier plötzlich aus dem Nichts einige Personen auf und erklärten mich für unfähig und dass sie alles viel besser könnten.
Gustav wollte, dass ich sofort alles übergebe, was ich nach vielem Trara auch tat. Doch noch bevor ein Jahr um war, waren alle verschwunden, hatten sich zerstritten, was weiß ich und Gustav
rief mich wieder an und bat mich, ihm aus der Klemme zu helfen.“
Meta hörte ihm aufmerksam zu. Er holte tief Luft und fuhr fort: „Nunja, ich hab's natürlich gemacht, aber auch ziemlich deutlich gesagt, dass er dringend Ersatz finden müsse. Und so kamst Du ins
Spiel.“
„Moment“, unterbrach ihn Meta. „Eigentlich wollte das eine Anderer tun.“
„Siehst'e“, sagte er.
„Wie, siehst'e? Du kannst doch nicht mir die Schuld geben, dass der nun nicht erschienen ist und ich wiederum hörte es vom Buschfunk und habe einfach mal nachgefragt. Und als
ich dann den Termin hatte und Du zum Gespräch gebeten wurdest, wusstest Du zwar, wer ich bin, aber Du wusstest nicht, was ich kann. Darum hast Du auch gleich behauptet, dass wir uns kennen, was
ja so im Grunde nicht ganz richtig ist. Du hattest Angst, dass ich Dir Fragen stellen könnte, die Du vielleicht nicht hättest beantworten können und somit wolltest Du lieber keinen Nachfolger,
als einen der es vielleicht in der gleichen Qualität liefert wie Du und Du dann wirklich nicht mehr gebraucht wirst. Dir fehlte es nicht vorrangig an Zeit, sondern an Dankbarkeit, für das was Du
tatest, hab ich Recht?“
„Nöh! Ich wollte einfach nichts mehr damit zu tun haben, verstehst'e?“
„Sei ehrlich!“, hakte sie nach.
Carlos sah sie an. „Wie auch immer. Willst Du noch was trinken?“
Meta ließ ihn nicht aus den Augen. „Ja klar, warum nicht.“
„Müsste mich sowieso mal wieder drinnen blicken lassen.“ Carlos ging um den Tisch und nacheinander betraten sie den Ballsaal. Es war mittlerweile zwei Uhr und die Verbliebenen
umstellten die Bar. Carlos drückte ihr ein Glas Wein in die Hand und verschwand hinter dem Tresen. Sie blieb zurück und beobachtete das Geschehen. Es dauerte nicht lange, bis er wieder neben ihr
stand und sagte: „Wir könnten jetzt gehen.“
„Ich denke, wir bleiben, bis der Letzte weg ist?“
„Eigentlich ja, aber ich hab das eben geklärt. Ich komme am Montag her und dann besprechen wir die Abrechnung.“
Sie nippte an ihrem Glas. „Montag kann ich nicht.“
„Ich bin sowieso hier.“
„Achso...“ Kopf schüttelnd bestätigte sie seine Entscheidung. „Dann ist es ja gut!“ Was hätte sie auch anderes sagen sollen. „Na dann - gehen wir! Haben ja sowieso fast den
gleichen Weg.“
Sie holten die Jacken und traten hinaus auf die Straße. Kühl durchzog die winterliche Feuchtigkeit die Luft. Das Licht der Laternen schimmerte matt auf den Gehweg.
„Könnten noch ins Meier's gehen oder musst Du gleich los?“, fragte er ohne sie anzusehen. Er hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben und sein Blick verlor sich in der
Kreuzung.
„Ist denn da noch auf?“, gab Meta zu bedenken.
„Meistens“, sagte er und setzte sich in Bewegung.
Das Meier's war ein rustikales Bistro, das nachmittags mit Kaffee und Kuchen begann und abends in einen Barbetrieb wechselte. Am Wochenende kam es durchaus vor, dass auch zu vorgerückter Stunde
noch Gäste dort verweilten. Heute aber hatten sie kein Glück mehr. Der Wirt hatte bereits die Kasse geschlossen und so gingen sie weiter. Meta versteckte die Hände in ihren Ärmeln und
verschränkte sie zum Wärmen vor dem Körper. Die kühle, nasse Luft kroch ihr bis unter die Haut. Ohne ein Wort zu sprechen folgten sie weiter der Straße und landeten schließlich im einzigen Pub,
der die ganze Nacht geöffnet war. Meta war hier einige Male mit Robert gewesen. Doch das letzte Mal lag weit über ein halbes Jahr zurück. Am Tresen standen Leute, die sich offensichtlich öfter
hier trafen und die auch Carlos gut kannten.
„Na, ist die Feier schon vorbei?“, begrüßte ihn die Dame hinter der Bar.
„Jaja, weißt doch, nach Mitternacht lichten sich dann schnell die Reihen.“ Meta grüßte flüchtig, hatte aber beschlossen, sich erstmal einen Überblick zu verschaffen.
Carlos schob sich auf einen der Barhocker und gab die Bestellung auf. Noch ehe sie
ebenfalls saß, stellte er sie seiner Gesprächspartnerin vor: „Das ist übrigens meine Nachfolgerin. Haben grad ein bisschen mit der Übergabe begonnen. Waren erst drüben im Meier's. Aber da war
schon Schluss.“
„Achso“, sagte die Bardame, die die Information nickend registrierte. Während sie die Gläser spülte, widmete sie Meta einen kurzen Blick und sprach dann weiter: „Von da kommen
jetzt oft nachts die Leute hierher. Mir soll's recht sein.“ Sie zapfte das Bier an und nachdem sie schließlich beide mit einem Getränk versorgt hatte, stützte sie sich mit den Armen auf den
Schanktisch, um mit Carlos ausgiebig die Neuigkeiten auszutauschen. Meta saß daneben und versuchte zunächst, dem Gespräch zu folgen. Doch da sie nichts beisteuern konnte, entfernten sich
ihre Gedanken. 'Wann', sinnierte sie, 'habe ich eigentlich das letzte Mal wirklich irgendwo dazu gehört?' Und wie in einem Zeitraffer folgte sie der ersten Wahrnehmung und ließ Erlebnisse aus der
Jugendzeit an sich vorbei ziehen.
„Alles okay bei Dir?“, riss sie Carlos plötzlich aus ihren Erinnerungen.
„Klar doch“, antwortete sie völlig teilnahmslos.
„Oh Gott, Du musst Dich doch zu Tode langweilen“, lenkte nun die Dame hinterm Tresen ein. „Tut mir leid. Habe grad völlig die Zeit vergessen. Aber wir haben uns wirklich einige
Wochen nicht gesehen.“
„Du, ist kein Problem,“ erwiderte Meta, „könnte mir genauso passieren. Fand das jetzt gar nicht so tragisch.“
„Soll ich euch 'nen Taxi rufen?“
„Woll'n wa los?“, sicherte sich Carlos bei Meta ab.
„Von mir aus...“ Meta rutschte vom Hocker und zupfte sich die Sachen zurecht.
„Okay, Ini, wir hauen dann ab“, sagte er und wenig später standen sie wieder auf der Straße, nur diesmal vor Metas Haustür. Knapp sechs Wochen wohnte sie hier. Es kam ihr
länger vor, viel länger. Doch es waren noch keine zwei Monate...
Mittlerweile war es fast fünf Uhr morgens und Carlos' Neugier siegte, weshalb sie sich noch immer nicht trennten. Sie stapften
nebeneinander die Treppe nach oben. Er studierte wohlwollend den Ausbau ihrer Wohnung. Sie war großzügig geschnitten und fürs Erste eingerichtet. Auf dem Boden lagerten noch die letzten
Umzugskartons. Meta hatte Wasser aufgesetzt und rührte damit Cappuccino an. Danach flezten sie sich – scheinbar an den Tassen festhaltend - in die Sitzsäcke und für einen Moment beherrschte die
Stille den Raum. Carlos entdeckte in der Küchenecke eine Flasche Lambrusco; das Werbegeschenk eines Pizzalieferanten.
„Trinkst Du sowas?“, fragte Meta überrascht.
„Nöh!“
„Hier auch keiner!“
„Wetten das doch?!“
Und so kam es, dass sie um die Wahrhaftigkeit dieser Behauptung um einen Abend in der Altstadtbar wetteten. Meta behauptete,
dass diese Flasche auch in einem Jahr unberührt dort stehen würde. „Niemals“, hatte Carlos entgegen gesetzt, das Etikett signiert und schließlich schlugen sie beide ein und stellten das Gebräu
auf die Fensterbank.
Nun saßen sie wieder hier. Mehr als ein Jahr war seit jenem Morgen vergangen und es war, als ob sie jemand in einem Tag
abgesetzt hatte, der nicht zu ihnen gehörte. Meta war noch viel zu benommen von ihrem Traum und Carlos war mehr einer Intuition gefolgt, als dass er wirklich einen Plan gehabt hätte, als er bei
ihr klingelte. Sie plauderten oberflächlich über belanglose Dinge und darüber verging die Zeit. Nach zwei Stunden schob Meta Carlos durch die Tür und überließ ihn dem Tag. Das Schloss fiel in die
Tür und sie rutschte an dieser hinunter. Es war schön, dass da jemand gewesen war, der mit ihr geredet und mit dem sie Kaffee getrunken hatte, aber nun war es schön, allein zu sein. Es war
Sonntag und so kroch sie schnell zurück ins Bett!
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