dass sie schon wieder ein Jahr älter geworden sind.
Ich denke, nicht mehr ein Jahr älter zu werden,
wäre eine viel größere Katastrophe.
frei nach Liv Ulmann
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Kurz vor Weihnachten erhielt Meta eine Einladung für den Anfang Februar stattfindenden Firmenball. Es war eine alte Tradition von Brunner'S Mineralquell, dass sie immer im Februar eines jeden Jahres den Gründungstag ehrten. Als sie sich anmeldete, erkundigte sie sich, ob sie bereits bei der Organisation unterstützen könnte. „Ach Meta, das ist wohl nicht nötig. Carlos hat das in diesem Jahr noch alles getan. Aber ich kann ihn gern fragen und dann kann er sich ja bei Ihnen melden.“
„Ach nee“, begrüßte er sie Carlos mit gespielter Freundlichkeit, als sie am Tag der
Feierlichkeiten mit einer Freundin durch die Tür trat. „Ach ja“, äffte sie zur Antwort seinen Tonfall nach, während sie sich in die Anwesenheitsliste eintrug. „Eigentlich müsstest Du heute hier stehen“, stichelte er.
„Wieso ich?“, lächelte sie fragend zurück. ohne inne zuhalten.
„Na weil Du jetzt für diese Aufgaben zuständig bist. Gustav erzählte, Du hättest den Vertrag unterschrieben.“
„Aber der beginnt doch erst im April. So gesehen ist das Deine letzte Amtstat. Und überhaupt, Du hättest mich doch anrufen können, dann hätte ich mitgemacht.“
„Sicher!“ Er zog den Kopf zurück und nickte ungläubig.
Sicher!“, antwortete Meta siegessicher, schnappte sich ihre Handtasche, hakte ihre Freundin unter und ließ ihn stehen: „Und außerdem machst du das doch gerne!“ Sie posierte
kurz mit aufgesetztem Grinsen und zog dann ihre Freundin in die Richtung des Tanzsaals. Sie war wütend! - aber das wollte sie hier ganz sicher niemandem zeigen.
Wann immer sie sich – Carlos und Meta - an diesem Abend über den Weg liefen, konnte
er es nicht lassen, sie zu necken; allerdings gehörte viel Phantasie dazu, seine Äußerungen als Spaß zu verstehen. Am Ende der Veranstaltung begegneten sie sich erneut in der Vorhalle und wieder
konnte er nicht umhin, sie anzusprechen: „Na dann, gute Heimfahrt. Eigentlich müsstest Du hier bleiben, bis der letzte gegangen ist und die Abrechnung mit dem Veranstalter machen. Aber ich mach
das. Gute Nacht!“
Ihre Geduld kochte über und sie platzte los: „Was, Carlos de Winter, willst Du eigentlich von mir? Hab ich Dir irgendwas getan?“
„Nöh, wieso?“
„Den ganzen Abend machst Du mich blöde an. Hör zu, ich kam nicht hier her spaziert und habe behauptet, Du könntest Deinen Job nicht und müsstest dringend ersetzt werden. Es war
ja wohl mehr anders herum: DU wolltest nicht mehr und irgendjemand MUSS Dein Nachfolger werden. Nun sei bitte auch so fair und stehe dazu und vor allem, gib demjenigen - also nach jüngsten
Entwicklungen – mir! - eine Chance. Du sagtest zum Sommer willst Du raus sein. Darum beginnt der Vertrag im Frühjahr. Wenn Du früher raus willst, musst Du mal einen Ton sagen. Ich kann doch nicht
hellsehen!“
Sie sah ihn wütend an und er nestelte unsicher in den Papieren auf dem Tisch herum. „Naja“, lenkte er ein. „Dann müssen wir uns mal treffen.“
Ihre Freundin verabschiedete sich und drückte sie herzlich: „Klärt das jetzt mal. Alles andere ist doch albern. Ich fahre schon mal los. Wir hören uns morgen?
„Klar, machen wir. Pass schön auf! Ok?“
Na sicher doch! Du auch!“ Carmen winkte fröhlich und entschwand durch die Tür.
„Okay“, nahm Meta das Gespräch mit Carlos wieder auf, „beginnen wir mit der Einarbeitung. Ich bleibe hier und schaue mir an, was Du heute noch tust und Du erzählst mir derweil ein wenig darüber, was ich aus Deiner Sicht sonst
noch wissen sollte. Ja?!“
„Wie, jetzt?“, fragte er irritiert.
„Ja“, blieb sie standfest. „Ich lasse mich doch nicht von Dir vorführen. Also bitte, ich höre!“ Gelassen stützte sie sich mit den Armen am Tisch ab und genoss es, dass er damit
nicht gerechnet hatte. Schließlich begann er zu erzählen, dass seine Feindseligkeit im Grunde nichts mit ihr persönlich zu tun hätte, sondern viel mehr mit den Ereignissen in der
Vergangenheit. „Weißt Du, ich bin ja schon länger nicht nur für ihn tätig“, begann er, „aber ich habe die Aufgaben weitergeführt, damit Gustav jemand anderen finden
konnte. Das macht man nicht mal so nebenbei.“
„Ist mir schon klar!“, warf Meta ein.
„Vor zwei Jahren dann“, fuhr Carlos fort, “traten hier plötzlich aus dem Nichts einige Personen auf und erklärten mich für unfähig und dass sie alles viel besser könnten.
Gustav wollte, dass ich sofort alles übergebe, was ich nach vielem Trara auch tat. Doch noch bevor ein Jahr um war, waren alle verschwunden, hatten sich zerstritten, was weiß ich und Gustav
rief mich wieder an und bat mich, ihm aus der Klemme zu helfen.“
Meta hörte ihm aufmerksam zu. Er holte tief Luft und fuhr fort: „Nunja, ich hab's natürlich gemacht, aber auch ziemlich deutlich gesagt, dass er dringend Ersatz finden müsse. Und so kamst Du ins
Spiel.“
„Moment“, unterbrach ihn Meta. „Eigentlich wollte das eine Anderer tun.“
„Siehst'e“, sagte er.
„Wie, siehst'e? Du kannst doch nicht mir die Schuld geben, dass der nun nicht erschienen ist und ich wiederum hörte es vom Buschfunk und habe einfach mal nachgefragt. Und als
ich dann den Termin hatte und Du zum Gespräch gebeten wurdest, wusstest Du zwar, wer ich bin, aber Du wusstest nicht, was ich kann. Darum hast Du auch gleich behauptet, dass wir uns kennen, was
ja so im Grunde nicht ganz richtig ist. Du hattest Angst, dass ich Dir Fragen stellen könnte, die Du vielleicht nicht hättest beantworten können und somit wolltest Du lieber keinen Nachfolger,
als einen der es vielleicht in der gleichen Qualität liefert wie Du und Du dann wirklich nicht mehr gebraucht wirst. Dir fehlte es nicht vorrangig an Zeit, sondern an Dankbarkeit, für das was Du
tatest, hab ich Recht?“
„Nöh! Ich wollte einfach nichts mehr damit zu tun haben, verstehst'e?“
„Sei ehrlich!“, hakte sie nach.
Carlos sah sie an. „Wie auch immer. Willst Du noch was trinken?“
Meta ließ ihn nicht aus den Augen. „Ja klar, warum nicht.“
„Müsste mich sowieso mal wieder drinnen blicken lassen.“ Carlos ging um den Tisch und nacheinander betraten sie den Ballsaal. Es war mittlerweile zwei Uhr und die Verbliebenen
umstellten die Bar. Carlos drückte ihr ein Glas Wein in die Hand und verschwand hinter dem Tresen. Sie blieb zurück und beobachtete das Geschehen. Es dauerte nicht lange, bis er wieder neben ihr
stand und sagte: „Wir könnten jetzt gehen.“
„Ich denke, wir bleiben, bis der Letzte weg ist?“
„Eigentlich ja, aber ich hab das eben geklärt. Ich komme am Montag her und dann besprechen wir die Abrechnung.“
Sie nippte an ihrem Glas. „Montag kann ich nicht.“
„Ich bin sowieso hier.“
„Achso...“ Kopf schüttelnd bestätigte sie seine Entscheidung. „Dann ist es ja gut!“ Was hätte sie auch anderes sagen sollen. „Na dann - gehen wir! Haben ja sowieso fast den
gleichen Weg.“
Sie holten die Jacken und traten hinaus auf die Straße. Kühl durchzog die winterliche Feuchtigkeit die Luft. Das Licht der Laternen schimmerte matt auf den Gehweg.
„Könnten noch ins Meier's gehen oder musst Du gleich los?“, fragte er ohne sie anzusehen. Er hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben und sein Blick verlor sich in der
Kreuzung.
„Ist denn da noch auf?“, gab Meta zu bedenken.
„Meistens“, sagte er und setzte sich in Bewegung.
Das Meier's war ein rustikales Bistro, das nachmittags mit Kaffee und Kuchen begann und abends in einen Barbetrieb wechselte. Am Wochenende kam es durchaus vor, dass auch zu vorgerückter Stunde
noch Gäste dort verweilten. Heute aber hatten sie kein Glück mehr. Der Wirt hatte bereits die Kasse geschlossen und so gingen sie weiter. Meta versteckte die Hände in ihren Ärmeln und
verschränkte sie zum Wärmen vor dem Körper. Die kühle, nasse Luft kroch ihr bis unter die Haut. Ohne ein Wort zu sprechen folgten sie weiter der Straße und landeten schließlich im einzigen Pub,
der die ganze Nacht geöffnet war. Meta war hier einige Male mit Robert gewesen. Doch das letzte Mal lag weit über ein halbes Jahr zurück. Am Tresen standen Leute, die sich offensichtlich öfter
hier trafen und die auch Carlos gut kannten.
„Na, ist die Feier schon vorbei?“, begrüßte ihn die Dame hinter der Bar.
„Jaja, weißt doch, nach Mitternacht lichten sich dann schnell die Reihen.“ Meta grüßte flüchtig, hatte aber beschlossen, sich erstmal einen Überblick zu verschaffen.
Carlos schob sich auf einen der Barhocker und gab die Bestellung auf. Noch ehe sie
ebenfalls saß, stellte er sie seiner Gesprächspartnerin vor: „Das ist übrigens meine Nachfolgerin. Haben grad ein bisschen mit der Übergabe begonnen. Waren erst drüben im Meier's. Aber da war
schon Schluss.“
„Achso“, sagte die Bardame, die die Information nickend registrierte. Während sie die Gläser spülte, widmete sie Meta einen kurzen Blick und sprach dann weiter: „Von da kommen
jetzt oft nachts die Leute hierher. Mir soll's recht sein.“ Sie zapfte das Bier an und nachdem sie schließlich beide mit einem Getränk versorgt hatte, stützte sie sich mit den Armen auf den
Schanktisch, um mit Carlos ausgiebig die Neuigkeiten auszutauschen. Meta saß daneben und versuchte zunächst, dem Gespräch zu folgen. Doch da sie nichts beisteuern konnte, entfernten sich
ihre Gedanken. 'Wann', sinnierte sie, 'habe ich eigentlich das letzte Mal wirklich irgendwo dazu gehört?' Und wie in einem Zeitraffer folgte sie der ersten Wahrnehmung und ließ Erlebnisse aus der
Jugendzeit an sich vorbei ziehen.
„Alles okay bei Dir?“, riss sie Carlos plötzlich aus ihren Erinnerungen.
„Klar doch“, antwortete sie völlig teilnahmslos.
„Oh Gott, Du musst Dich doch zu Tode langweilen“, lenkte nun die Dame hinterm Tresen ein. „Tut mir leid. Habe grad völlig die Zeit vergessen. Aber wir haben uns wirklich einige
Wochen nicht gesehen.“
„Du, ist kein Problem,“ erwiderte Meta, „könnte mir genauso passieren. Fand das jetzt gar nicht so tragisch.“
„Soll ich euch 'nen Taxi rufen?“
„Woll'n wa los?“, sicherte sich Carlos bei Meta ab.
„Von mir aus...“ Meta rutschte vom Hocker und zupfte sich die Sachen zurecht.
„Okay, Ini, wir hauen dann ab“, sagte er und wenig später standen sie wieder auf der Straße, nur diesmal vor Metas Haustür. Knapp sechs Wochen wohnte sie hier. Es kam ihr
länger vor, viel länger. Doch es waren noch keine zwei Monate...
Mittlerweile war es fast fünf Uhr morgens und Carlos' Neugier siegte, weshalb sie sich noch immer nicht trennten. Sie stapften
nebeneinander die Treppe nach oben. Er studierte wohlwollend den Ausbau ihrer Wohnung. Sie war großzügig geschnitten und fürs Erste eingerichtet. Auf dem Boden lagerten noch die letzten
Umzugskartons. Meta hatte Wasser aufgesetzt und rührte damit Cappuccino an. Danach flezten sie sich – scheinbar an den Tassen festhaltend - in die Sitzsäcke und für einen Moment beherrschte die
Stille den Raum. Carlos entdeckte in der Küchenecke eine Flasche Lambrusco; das Werbegeschenk eines Pizzalieferanten.
„Trinkst Du sowas?“, fragte Meta überrascht.
„Nöh!“
„Hier auch keiner!“
„Wetten das doch?!“
Und so kam es, dass sie um die Wahrhaftigkeit dieser Behauptung um einen Abend in der Altstadtbar wetteten. Meta behauptete,
dass diese Flasche auch in einem Jahr unberührt dort stehen würde. „Niemals“, hatte Carlos entgegen gesetzt, das Etikett signiert und schließlich schlugen sie beide ein und stellten das Gebräu
auf die Fensterbank.
Nun saßen sie wieder hier. Mehr als ein Jahr war seit jenem Morgen vergangen und es war, als ob sie jemand in einem Tag abgesetzt hatte, der nicht zu ihnen gehörte. Meta war noch viel zu benommen von ihrem Traum und Carlos war mehr einer Intuition gefolgt, als dass er wirklich einen Plan gehabt hätte, als er bei ihr klingelte. Sie plauderten oberflächlich über belanglose Dinge und darüber verging die Zeit. Nach zwei Stunden schob Meta Carlos durch die Tür und überließ ihn dem Tag. Das Schloss fiel in die Tür und sie rutschte an dieser hinunter. Es war schön, dass da jemand gewesen war, der mit ihr geredet und mit dem sie Kaffee getrunken hatte, aber nun war es schön, allein zu sein. Es war Sonntag und so kroch sie schnell zurück ins Bett!
Weitere Kapitel in "Schwarze Schafe"
Die linden Lüfte sind erwacht,
Ludwig Uhland (1787-1862)
Die Firma Brunner's Mineralquell war ein traditionsreiches Familienunternehmen. Seit über einem Jahrhundert wurden hier
alkoholfreie Getränke hergestellt, abgefüllt und weit über die regionalen Grenzen hinaus vertrieben. Meta hatte über Freunde den Tipp bekommen, dass dort ein Nachfolger für die PR-Abteilung
gesucht wurde. Kurzerhand vereinbarte sie einen Termin. Das Fabrikgelände war sehr gepflegt und weitläufig. Die Klinkersteinfassaden der Produktionshäuser stachen ihr sofort ins Auge und fast
ehrfürchtig lenkte sie ihre Schritte über den Kiesweg zum Haupthaus. Sie hoffte nur, dass es nicht auffiel, dass sie nur wenig über die Geschichte des Betriebes wusste. Das quadratisch wirkende
Haus erstreckte sich über drei Etagen und mochte wohl an die 30 Meter breit sein. Das Dach war von einer breiten Terrasse umzäunt, welche sicherlich erst nachträglich errichtet wurde. Meta
spürte, wie die Eindrücke sie überwältigten, doch sie stand nun vor der großen, mit aufwendigen Handarbeiten verzierten Holztür und so drückte sie kurzentschlossen auf die Klingel. Hinter der Tür
ertönte sofort ein tiefes Bellen, dass wenige Sekunden später eine freundliche Männerstimme wieder zum Verstummen brachte. Kurz danach öffnete sich die Tür. „Sie wünschen?“ eröffnete ein
grauhaariger Mann freundlich das Gespäch. „Guten Tag, mein Name ist Meta Liebich und ich habe um 17 Uhr einen Termin mit Herrn Brunner.“
„Oh ja, Frau Liebich, herzlich willkommen, treten Sie bitte ein. Mein Name ist Johann Klink und ich bin sozusagen hier das Mädchen für alles. Herr Brunner wird gleich bei Ihnen
sein. Wenn Sie mir bitte folgen möchten.“
Johann Klink erinnerte Meta sofort an einen Butler aus alten Filmen. Er war von jener vornehmen Zurückhaltung, die Meta sehr
schätzte. In dem Hotel, in dem sie ihre Lehre und die ersten Arbeitsjahre verbrachte, gab es auch noch einen Portier dieser Klasse. Er kannte alle wiederkehrenden Gäste und wusste genau, welche
Gesten er wann anzuwenden hatte. Manchmal ergab es sich, dass Meta mit ihm gemeinsam Dienst hatte und dann genoss sie es, wenn er die Zeit fand, um in Erinnerungen zu schwelgen und über alte
Zeiten plauderte. Meta mochte Herrn Klink auf den ersten Blick und wie auf Knopfdruck war ihre Aufregung verflogen. Neben ihnen trottete ein caramelfarbener Labrador, der Meta nicht aus den Augen
ließ. „Hier entlang bitte“, sagte Johann Klink und zeigte mit einer Handbewegung in Richtung einer
Treppe, die dem Korridor folgte. Trotz einiger historischer Möbel wirkten die Gänge belebt und überhaupt nicht altbacken. Meta war fasziniert von den frischen Farben und dem geschmackvollen
Ambiente. Sie stellte sich vor, wo sie hier wohl ihren Arbeitsplatz bekäme und sofern es sich irgendwie vereinbaren ließ, hatte sie schon jetzt beschlossen, den Auftrag auf jeden Fall
anzunehmen.
Sie befanden sich nun im zweiten Obergeschoss, als Herr Klink auf eine große, weiße Flügeltür zu steuerte. In der Mitte des Raumes stand ein Tisch mit sechs Stühlen. Die Sonne brach
sich im Spiegel an der Wand, der quer über einer Anrichte hing und somit den frischen Blumen darauf eine besonders kräftige Farbe verlieh. „Nun, da wären wir.“ Er deutete auf die Getränke, die auf dem Tisch standen. „Bedienen Sie sich ruhig. Herr Brunner wird
jeden Moment hier sein.“ Er trat zum Fenster, um die Jalousien etwas herunter zu lassen. Meta legte in der Zwischenzeit ihre Tasche ab und blieb im Raum stehen. Der Hund tat es ihr gleich, nur
das er sich setzte. Langsam schob sich die Schwanzspitze von einer Seite zur anderen. Sie wusste, dass das das Zeichen dafür war, das er sich freute und am liebsten mit ihr spielen würde.
„Komm Tamino“, lockte ihn Herr Klink, „wir gehen wieder runter.“ Tamino tat wie ihm befohlen und
tapste zur Tür.
Wenig später saß Meta mit Gustav Brunner am Tisch und sie plauderten aufgeschlossen über dies und das. Schließlich lenkten sie fast beiläufig das Gespräch auf den eigentlichen Grund
ihres Treffens. Herr Brunner machte sehr deutlich, dass er bislang mit der Qualität der Leistungen sehr zufrieden war. „Was ist passiert, dass sie dann trotzdem Ersatz für ihn suchen?“,
erkundigte sich Meta etwas verwundert.
„Nun, er hat mich darum gebeten“, antwortete ihr Gesprächspartner sehr gefasst.
„Er hat vor Jahren mal mit einem Freund eine Idee gehabt, dessen Verwirklichung diverse Genehmigungen
nach sich zog. Nun sind diese gefallen und sie haben die Chance bekommen, ihre Idee in die Tat umzusetzen.“ Er stand auf und ging zum Fenster, um die Jalousien ein wenig mehr zu öffnen. „Da kann
ich mich ihm doch nicht in den Weg stellen. Abgesehen davon, würde das sowieso nicht funktionieren. Nicht bei ihm.“ Meta fragte sich, ob Herr Brunner absichtlich verhinderte, einen Namen zu
nennen. Sie studierte seine Gesten. „Es sind ja die letzten schönen Tage vor der grauen Jahreszeit, da sollten wir die Sonne nicht aussperren“, schweifte er ab und verharrte dann einen Augenblick
in seinen Gedanken. Bevor er sich wieder setzte, schenkte er Wasser nach. Dann fuhr er fort: „Ich denke, er muss jeden Moment hier sein. Sie haben doch noch etwas Zeit?“
„Ja sicher“, winkte Meta gelassen ab.
„Er kann Ihnen nämlich am Besten erzählen, was er genau gemacht hat. Schade, dass wir uns nicht eher
begegnet sind. Dann hätten Sie mehr Zeit gehabt und wer weiß, vielleicht wäre dann alles noch ganz anders gekommen. Ich denke, Sie werden gut mit ihm...“ Er beendete den Satz nicht, denn in
diesem Augenblick öffnete sich die Tür und Carlos betrat den Raum.
„Darf ich vorstellen?“ begann Gustav Brunner in höflichem Tonfall.
„Nicht nötig“, raunte Carlos. „Wir kennen uns.“
„Oh“, überspielte der Gastgeber nun gekonnt seine Verwunderung und bot Carlos an, Platz zu nehmen.
„Willst Du auch was trinken?“ Jedoch ohne die Antwort abzuwarten, drehte er ein Glas um und füllte es ebenfalls mit Wasser.
Carlos war ein drahtiger Mann von Mitte Dreißig. Mitunter wirkte er fast ein bisschen schlacksig, aber niemals albern. Von ihm gingen eher Ruhe und Sicherheit aus. Bisweilen lag sein
Fokus nur auf seinen Interessen. Er genießt seine Freiheit und macht daraus kein Hehl! Sein
Herzblut steckt er gleichermaßen in die Arbeit wie in seine Freizeit. Was er macht, dass macht er mit vollem Arrangement und vor Allem macht er ungern Kompromisse. Sein Lebensinhalt ist das Leben
und so zieht er wie ein einsamer Wolf - scheinbar ziellos – durch die Zeit, ewig begleitet vom Fluch seiner Extrovertiertheit. Er glaubt nicht an die Liebe und wenn man ihn fragt warum, ist er
fest davon überzeugt, dass es niemals eine Frau an seiner Seite geben wird, die ihn so liebt, wie er ist; Eine, die seine Art von Aufrichtigkeit annimmt und weiß, dass die Stunden, die er ihr
schenkt, ehrlich sind und nur frei für sie. Diese Art von Leben, ja quasi seine Sucht nach Freiheit und Individualität - so hat ihn die Erfahrung gelehrt - ist nicht geeignet für feste Bindungen.
Und so besteht sein sozialer Halt darin, überall und nirgends zu sein.
Meta spürte, wie sich plötzlich eine gewisse Spannung aufzubauen schien. Oder lag es nur daran, dass niemand etwas sagte. Sie empfand es etwas anmaßend, hier zu behaupten, dass sie
sich kannten. Sie waren sich nach Ewigkeiten ein paar mal begegnet und hatten, wenn überhaupt, oberflächlichen Smalltalk betrieben. Ein Gefühl der Unsicherheit beschlich sie. Natürlich! Er
wusste, dass sie kommen würde und auch wer sie ist. Er wollte aber vielleicht gar nicht, dass sie seine Nachfolge antrat oder besser: er wollte jemanden, den er wirklich kannte. Bisher hatte sie
nicht über Konkurrenten nachgedacht. Das hatte sie noch nie getan. Entweder die Chemie stimmte und dann fanden sich auch die Wege zu einem Konsenz oder aber, es war sowieso besser, wenn der
Vertrag nie geschlossen wurde. Aber heute wäre es wohl wirklich besser gewesen, etwas mehr Hintergrundinformationen zuvor einzuholen. Oh Gott! Um Ihre Unbehagen zu überspielen, trank sie einen
Schluck Wasser.
Herr Brunner ergriff wieder die Initiative und brach das Schweigen, in dem er sich an Carlos wandte: „Nun, umso besser. Ich habe Frau Liebich bereits ein wenig von uns erzählt und ich möchte Dich
nun bitten, den Umfang Deiner Aufgaben zu beschreiben. Über die Details können wir dann ja ein andern Mal sprechen. Heute soll es ja darum gehen, Frau Liebich einen Einblick zu vermitteln und
dann gemeinsam zu sehen, ob sich daraus eine Zusammenarbeit entwickeln lässt oder nicht.“ Innerlich hoffte Meta, dass sie sich irrte, dass Carlos nur ebenso unbeholfen vor der Situation stand wie
sie und sie nicht generell ablehnte. Tatsächlich erzählte er sehr ausführlich über die letzten Aktivitäten, über regelmäßige, einmalige, jährliche und die Zeit verflog. Meta hörte gespannt zu.
Schließlich endete das Gespräch in einer lockeren Atmosphäre und wenige Tage später unterschrieb sie den Projektvertrag mit Beginn zum Frühjahr des kommenden Jahres.
Sie fiel schlaff in den Sitz. Ihr Blick bohrte sich durch die Fensterscheibe. Trotz Allem war sie ruhig und selber überrascht ob
ihrer Gelassenheit gegenüber der schier unüberwindbaren Hürde, im Gegenteil, eher stolz auf die Akribie, mit der sie nach einem Ausweg suchte. „Und da sag noch einer, ich hätte keine Geduld!“
grunzte sie vor sich hin. Ihre Blicke scannten die gesamte Umgebung. 'Es musste einen Weg geben!' Plötzlich schreckte sie hoch. Sie hatte völlig die Zeit vergessen! Als sie auf die Uhr sah, war
es 06:06 Uhr. Erleichtert atmete sie durch. Da ertönte aus der Ferne wieder ein Signal. Es war leise, sehr leise und sehr weit weg: Fiiieeeeeeep Fiiieeeeeeep
Fiiieeeeeeep Fiiieeeeeeep Fiiieeeeeeep Fiiieeeeeeep Fiiieeeeeeep... Konstant und eindringlich ging es so in einem Fort. Es klang fast wie eine Alarmanlage?! In der Hoffnung einen Hinweis zu
entdecken, drehte sie sich um. Dabei streifte ihr Blick nochmals die Uhr. Ein Blitz schoss durch ihren Kopf: '06:06 Uhr?! - Das ist kein Alarm - das ist der Wecker!’
Benommen riss sie die Augen auf und starrte auf die Anzeige ihrer Uhr. Es war tatsächlich sechs Uhr sechs! Völlig neben sich stehend schraubte sie sich pflichtbewusst aus dem Bett und schlurfte
in die Küche. In ihrem Kopf wirbelten noch die Bilder von ihrem merkwürdigen Traum. Doch augenblicklich verspürte sie kein Verlangen, weiter darüber nachzudenken. Völlig mechanisch aktivierte sie
den Wasserkocher und schaute hinaus in den grauen Morgen, als es plötzlich klingelte.
Sie sah abermals auf die Uhr. Und natürlich war es noch nicht wesentlich später. Es klingelte ein zweites Mal. 'Wer konnte das sein um diese Zeit?'
„Hallo?“, flüsterte sie fragend in den Hörer der Gegensprechanlage.
„Carlos hier“, tönte es aus dem Lautsprecher. Wie ferngesteuert drückte sie auf den Summer. 'Carlos? Was will der denn so
früh hier?’ Sie öffnete die Tür und sah zu, wie er sich die Treppen nach oben hangelte. Schließlich trat sie einen Schritt zurück, um ihn durchzulassen. Es hatte nicht den Anschein, dass er nur etwas abgeben wollte.
„Morjen“, begrüßte er sie im Türrahmen, drückte
ihr einen leichten Kuss auf die Wange und zog seine Jacke aus, die er dann wie selbstverständlich über einen kleinen Hocker warf.
„Moin Moin“, grüßte sie zurück und grinste ihn an: „Was verschafft mir die Ehre?“
„Och, ich bin im Taxi eingeschlafen.“ Er hüpfte auf einem Bein hin und her, bemüht beim Schuhe ausziehen das Gleichgewicht
zu halten: „Darum hat mich der Fahrer hier vorne am Stand rausgeschmissen. Und da du auf meinem Heimweg wohnst, dachte ich, ich klingle einfach mal. Naja, und nun bin ich
hier…“
„Sehr schön!“, lachte sie und schüttelte den Kopf. „Es ist sechs Uhr morgens. Du hast
Glück, dass ich schon wach bin. Ich bin nicht sicher, ob ich es sonst gehört hätte.“
„Naja,
dann hätte ich eben Pech gehabt.“
„Achso...na dann!“ Meta betrachtete ihn skeptisch und ging
dann zurück zur Küche. Das Wasser kochte inzwischen. „Willst du auch 'nen Kaffee?“
„Nöh!“,
sagte er und ließ sich in einen Stuhl am Küchentisch fallen.
„Irgendwas
anderes?…“
„Nöh!“
Meta wohnte direkt unterm Dach. Die Wohnung war hell und geräumig und der Atelierschnitt verlieh ihr einen individuellen Charme. Küche, Wohnzimmer und Flur bildeten einen Raum. Meta stand an der
Anrichte und sah dem blubbernden Wasser zu, wie es durch den Filter lief. Und Carlos saß da und schaute ihr dabei zu. Für einen kurzen Moment war es still und man hörte nur, wie der Kaffee in die
Kanne plätscherte.
„Ich habe übrigens unsere Wette gewonnen“, unterbrach sie das Schweigen und drehte den Kopf zur anderen Seite der Küche.
Mit einem leichten Nicken zeigte sie auf eine Flasche Lambrusco, die ganz unten im Regal lag. „Hab Dir doch gesagt, dass so etwas bei uns niemand anrührt.“
„Nun“, gab Carlos zu bedenken, „im Grunde habe ich gewonnen.“
„Wieso das denn?“, empörte sie
sich.
Jetzt nickte er mit dem Kopf leicht nach rechts, bevor er
antwortete: „Naja, die Wette war, dass sie da“, er richtete seinen Finger zur exakten Angabe der festgelegten Position in Richtung Fensterbank, „ein Jahr lang unverändert stehen
muss.“
"Stand sie ja“, konterte Meta. „Aber das Jahr war vor
zehn Wochen um. Also hab ich sie weggeräumt.“
„Siehst'e“, entgegnete daraufhin Carlos und lehnte sich zurück. Die Beine weit ausgestreckt, die Hände locker im Schoß
liegend, verfolgten seine Blicke Metas Handgriffe.
„Wie 'siehst'e? – ich habe gewonnen. Da gibt’s nichts zu sehen.“
Sie lachte amüsiert und setzte sich zu ihm an den Tisch. „Hättest Du halt mal eher wieder vorbei schauen
müssen.“
"Du warst ja verschwunden.“
"Was war ich?“
„Na verschwunden. Niemand wusste, wo Du bist.
Bis gestern Abend.“
„Das glaub ich ja wohl nicht. Warum hast Du mich nicht angerufen, dann hättest Du gewusst, wo ich bin?!“
"Hab ich ja, aber Du hast nicht geantwortet.“
„Wann?“, fragte sie bestimmt.
„Na als wir uns in der Bar getroffen haben, als
Du da mit so 'nem Typen am Tisch gesessen hast und erst beim Losgehen gesehen hast, dass ich auch da war.“
„Carlos, das war im vergangenen Sommer. Wir
haben jetzt April. Und Du hast mich nicht angerufen, sondern vom Heimweg aus eine sms geschickt: 'upps' war alles, was darin stand. Sorry, aber was hätte ich Dir darauf antworten
sollen?“
„Keine
Ahnung. Irgendwas!“
„Du hast 'nen Knall!“ Mit breitem Grinsen sah sie ihn an und schüttelte
fassungslos den Kopf. Sie war sich nicht sicher, ob er das ernst meinte oder nicht.
Überhaupt kannte sie ihn eigentlich nicht. Sie waren beide seit ihrer Kindheit aktive Sportler und so konnte
man eher sagen, dass sie sich bei den Wettkämpfen begegnet sind. Lediglich die Zeit dieser Gemeinschaft verwebte ihre Namen, weniger jedoch gemeinsame Erlebnisse. Damals traten sie für
unterschiedliche Vereine an, was sie heute wieder taten. Nur waren inzwischen fast zwanzig Jahre vergangen und der Zufall wollte es, dass Meta jetzt in dem Segelclub Mitglied war, in dem Carlos
seine Jugend verbrachte. Und sie wohnten heute im gleichen Stadtteil; aber das war auch schon alles, was sie wirklich verband. Als sie ihm nach Jahren wieder über den Weg
gelaufen war, wusste Meta tatsächlich nichts über ihn. Sie hatte ihn ein paar mal im Club getroffen, aber mehr als den gängigen Smalltalk hatten sie dann nicht geführt.
Weitere Kapitel
Prolog sommerfeld.over-blog.com/article-16255337.html
Der Benedicht -
Der Benedicht,
det iss'n wirklich dumma Wicht!
War lange Zeit nie richtig fleißig,
zuweilen issa Ende Dreißig.
Und so fäng'ta mal an
tut, wat'ta kann;
doch wie'at nu kricht
- sein Jeld dafür -
dit weß'a nicht,
der Benedicht.
Nu schaut'ta links,
och schaut'ta rechts,
doch weit un breit,
da fünd'ta nüscht.
nee! - nirjendwo -
det, weß' a schon,
is wat zu hol'n.
Drum kick'ta nu uff Lena hin;
sie stets zu lieb'n war mal sein Sinn,
doch wollt'sen nicht, den Benedicht;
passt leida nicht!
'Ach weß'te, lieba Benedicht,
bei mir? - da finst' de wirklich nüscht!'
So spricht's de Lena leicht dahin;
als er't vasucht und leise flucht.
Und wieda kickt'ta...
erst links - denn rechts,
doch wat'ta och macht,
it ändatt ja nüscht.
So jeht'ta denn los,
Lieb hin, Leid her,
zum Jeldeintreiber
- Du liebe Not -
und zieht offne Posten
für ihn - dunkelrot!
Doch ob'bat nu kricht
oda och nicht? -
Dit merkt'ta jetzt,
weß'a imma noch nich.
Denn eene wie Lena iss'it och leide
zu jeb'n, wat se hat,
wenn seine Weide
nicht det herjibt,
wat'ta sich erhofft,
un nich nur klopft
sondan gleich mit Bescheide
melken möchte - nu uff ihre Weide...
'Nee, nee, mein lieba Herr, schau hin,
inde Hühna sind wirklich keene Eia drin',
so spricht's de Lena zum Vollzieha.
und denkt:
'Dieee Viecha melk ick selba!'
und so wird set och tun,
wat soll' se och mach'n?
Schon lange is ihr nich mehr zum Lachen.
'Noch selten jehalt'n
hat'n Herr sein Versprechn!'
Und se grinst in sich rinn -
als er nu jeht,
der nette Beamte -
mit det leere Pamphlet;
und se denkt für eene Sekunde lang -
an Benedicht!
Denn wat er nu macht,
det weß'se nicht -
Doch wird'sen sicha übaleb'n'
und er jeht wahscheinlich
uff pump een heb'n.
Drum lern die Moral von der Jeschicht:
- mein lieba Benedicht!? -
Lass von de Henne,
wenn'det Wissen Dir Hähne vaspricht!
oda och:
der eene kann'it, der andre nicht!
- Martha Sommerfeld -
per mail am 10. März 2008 um 20:27 Uhr
uiui,bin ich traurig. was muß ich da lesen in meinem lieblingsblog
den ich so einmal die woche besuche.... wobei,jetzt muß ich mir das nochmal überlegen.
da schreibt meine lieblingsschiftstellerin, dass sie bald zu ihrer schulfreundin fährt und
sich so sehr darauf freut..... aber keine erwähnung findet der überaus charmante,liebenswerte
lebensbegleiter eben dieser schulfreundin. hat er das verdient? mitnichten,er muß erwähnung finden,
sonst steht er wieder vor ihr und kann vor lauter verzückung kaum atmen und wartet auf die erstbeste
gelegenheit das wahr zu machen was ihn seit monaten bewegt.
also finde einen weg ihn in die nächste geschichte einzubauen....... :-)
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