Er verweilte noch einen Moment, als eine alte Frau seinen Weg kreuzte: "Junger Mann, können sie mir kurz mit den Taschen helfen?
Bitte?!"
'Na das nenn ich Gegensätze', dachte er und lachte.
"Klar doch!", hörte er sich antworten und sprang zu ihr herüber, irgendwie froh, etwas tun zu können. Er verlud die Taschen in eine alte
Limousine: "Darf ich fragen, wohin die Reise geht?" Ihre Augen strahlten eine Wärme aus, die er nie zuvor gesehen hatte, die ihn aber auf wundersame Weise an seine Großmutter
erinnerten.
"Sie sind noch nicht sehr lange hier, nicht wahr, mein Sohn?"
"Nein. Ich glaube ich bin gestern hier gelandet."
"Achja! Gestern also!"
Sie lächelte milde, scheinbar wissend, "...sie werden hier Antworten finden, suchen sie sie nicht!"
Verwundert sah er die Alte an. 'Woher weiß sie, was ich denke?' und er steuerte gegen: "Aber wovon soll ich hier leben? Ich bin Seemann, wissen
Sie. Aber ich habe mein Schiff verloren. Ich weiß noch nicht genau, wie, aber ich nehme an, ich habe Schiffbruch erlitten. Und etwas anderes als Handel betreiben, kann ich
nicht."
"Das können Sie ganz sicher, junger Mann!"
Ihr Blick wandte sich ab und richtete sich nun an den Chauffeur, dem sie mit einem Zwinkern bedeutete, ohne sie loszufahren.
"Wie, wissen Sie, wo mein Schiff ist?"
Sie blieb stehen und musterte ihn mit herzlichem Blick. "Kommen Sie, wir gehen ein Stück gemeinsam."
Er verstaute den Pensionsschlüssel in seiner Hosentasche. Jo war nicht sicher, was hier geschah, aber für einen Traum war es eindeutig zu lange.
Er bot der alten Dame seinen Arm an und spürte schon wieder ihren forschenden Blick, so als ob sie überlegte, wie viel sie ihm anvertrauen durfte.
"Sagen Sie mir eins", schoss er los. "Bin ich tot?"
"Fühlst du dich denn so, mein Sohn?"
"Nein, eigentlich nicht", murmelte er, "aber es ist alles so ungewöhnlich hier. Ich bin ein sehr bodenständiger Mensch, wissen Sie. Ich kenne
viele Orte, aber so unsicher habe ich mich noch nie gefühlt. Und irgendwie scheinen hier alle Menschen auch ganz herzlich zu sein; aber wo ich hier bin, wovon ich leben kann, weshalb
ich hier bin, das sagt mir niemand."
"Das ist so sicher nicht ganz richtig."
Er sah sie an. "Sie meinen…?"
Plump überwand er seine Scheu darüber zu sprechen.
"Richtig! Wir alle kamen so."
"... die Eule?!", hörte er sich den Satz beenden.
Sie lachte. "Ja,... vielleicht war es eine Eule- vielleicht ein Drachen, ein Bild, ein Stern..."
"Ich kam gestern. Also ich vermute, dass es gestern war, mit ihr, dieser Eule, hierher. Aber nun ist sie fort."
Er ahnte seine Chance auf eine Antwort und er wollte sie. Schließlich überwand er seine ganze Benommenheit. Wahrscheinlich würde er diese alte
Dame nie wieder sehen, was also tat es zur Sache, ob er sich ihr gegenüber öffnete.
"Das ist sie ganz sicher nicht, mein Sohn. Sie hat dich gefunden und sie ist dir nahe, da bin ich sicher."
"Aber warum kann ich sie nicht sehen, warum bekomme ich keine Antworten auf meine Fragen? Was tue ich hier? Warum will ich nicht weg und fühle
mich aber doch so unsicher?"
"Wenn dein Weg sich gabelt, weiß dein Herz die Richtung. Danach leben alle hier. Frage nie warum? Es gibt keine Antwort. Die Antworten auf all
deine Fragen sind in dir. Die Antwort bist du!"
Scheinbar aus dem Nichts hielt vor ihnen ein Auto. Es war dasselbe, in welchem er die Taschen verstaut hatte. 'Warum hat das eigentlich nicht
der Chauffeur getan?'. Grübelnd sah er der alten Dame beim Einsteigen zu und so unmerklich, wie sie gekommen war, war sie auch wieder verschwunden.
Die Hände tief in seinen Taschen vergrabend, senkte er den Blick und trottete den Weg allein zurück. '...die Antwort bist du!' Er
verspürte den Wunsch, aufwachen zu wollen!
Ziellos lief er die Straßen entlang und landete schließlich an einer kleinen Bucht, wo er sich niederließ und auf die Wellen starrte. Der erste
Rausch war verflogen. Und nun? 'Wie spät ist es wohl?' Er verspürte eine starke Sehnsucht nach seinem Schiff, seinem Gefolge, seinem vertrauten Tagesablauf. Das Wasser umspülte seine Füße
und Stimmen drangen aus der Ferne an sein Ohr. Er schlief ein...
Ein lautes Hämmern riss ihn jäh aus seinem Schlaf. Wo kam das her? Um ihn herum war es dunkel und ein leichtes Schaukeln bewegte seine Umgebung.
"Käpt’n, Sir? Darf ich eintreten?"
pock pock pock
"Ja, Anton. Treten Sie nur ein.", hallte seine Stimme durch die Kajüte.
Jo lag auf seinem Bett und vor seinem Fenster flog der Himmel vorbei. Benommen richtete er sich auf. 'Was für ein merkwürdiger Traum...' Schlaff
lagen seine Arme auf der Bettdecke, als Anton eintrat.
"Sir, fühlen Sie sich nicht wohl, Sir?", eröffnete der Erste Offizier das Gespräch.
"Anton, wie lange kennen uns?"
"Sir, fast auf den Tag genau sind es nun gleich acht Jahre, Sir."
"Wie spät ist es?", fragte er betonungslos. 'Was ist denn mit mir los?'
In diesem Moment machte sich ein mulmiges Gefühl in seiner Magenhöhle breit. 'Wie lange habe ich geschlafen?' "Welchen Tag haben wir,
Anton?" Er stellte die Frage, ohne die erste Antwort abzuwarten. "Es ist Montag, Sir und die Mannschaft ist versammelt zum Morgenappell. Ist alles in Ordnung, Sir?"
Jo blickte ihn mit müden Augen an. "Anton, es ist schön Sie zu sehen. Bitte übernehmen Sie heute den Appell. Ich muss wohl gestern etwas
Falsches gegessen haben, mir geht es nicht so gut heute."
"Jawohl Sir, gute Besserung, Sir."
Anton schickte sich an abzudrehen. In all den Jahren war dies der erste Tag, an dem ihm sein Chef so begegnete.
"Anton!"
Jo blickte ihn hilflos an. "Darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen?"
Anton wusste nun, dass dies kein gewöhnlicher Tag war. "Gern Sir."
"Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?"
"Gestern morgen, Sir"
"Danke, Anton!"
Erleichtert ging er auf’s Deck und atmete tief die frische Seeluft ein. Was für ein Traum!
Wie befreit streckte er die Arme in die Luft, gähnte ausgiebig und schickte sich an, die Arbeit aufzunehmen, als ihm plötzlich ein
süßlicher Duft in die Nase krabbelte. Er drehte sich um. 'Die Insel!' schoss es ihm durch den Kopf. 'Nein, nein, nein!' Lachend schüttelte er den Kopf. "Jetzt ist es genug!" Er ließ seinen
Blick beim Zurückgehen noch einmal schweifen und erstarrte wie gebannt in seiner Bewegung. Neben ihm stand der Lehnstuhl und auf ihm saß die Eule, die ihn gestern entführt hatte... Ein
warmes Glücksgefühl durchzuckte ihn. Am liebsten hätte er sie gestreichelt, tat es aber nicht. "Soso, du bist also immer in meiner Nähe!", hauchte er und dachte an die Worte alte Dame in seinem
Traum. Heute scheinen sich Traum und Wirklichkeit zu vermengen. 'Auch gut!', huschte es durch seine Gedanken und ein Grinsen überzog sein Gesicht. "Das kann ja was geben!"
Entspannt atmete er noch einmal tief durch, fühlte sich mit einem Mal unerklärlich gut ausgeruht und voller Energie, als er die Hände in den
Hosentaschen versenkte, um den Weg zur Brücke anzutreten. Und abermals hielt er inne. In seiner Hand fühlte er die Schlüssel. Er umklammerte sie und ihm war, als hörte er ihre Stimme in der
Ferne. Ein dumpfes Poltern riss ihn aus seinen Erinnerungen und er spürte eine raue Zunge an seinem Unterarm. Etwas Warmes drückte sich gegen ihn… Ist das ein Hund? Er fühlte deutlich das
Fell an den Fingern. 'Wo kommt denn auf einmal ein Hund her?' Eine feuchte Nasenspitze stupste gegen sein Gesicht. Er drehte sich um...
Und Meta öffnete die Augen. Neben ihr saß ihre haarige Freundin Lizzy. Auf ihrer nächtlichen Tour hatte sie sie natürlich gefunden.
Schlaftrunken umklammerte sie das Tier und einige Zeit verging, bevor sie aufstand. Die Dunkelheit verschluckte den Klang ihrer Schritte. Matt schimmerte das Licht aus Roberts Büro. Sie lehnte
sich an die Wand der Garage und beobachtete fassungslos sein Treiben. Es war ein Uhr nachts und sie war müde. Robert unterbrach sein Spiel nicht, als sie sich verabschiedete. „Machst
du noch lange?“, fragte sie kraftlos. Er raunte nur: „Nein, nein...“, während er weiter mit einem virtuellen Gefährt über den Bildschirm raste, „ist aber das letzte Rennen für heute. Ich
komme auch gleich.“ Sie drückte ihm ihre Wange an seine, zog die Hand von seiner Schulter und ging nach oben. Lizzy trottete ihr hinterher.
Neueste Kommentare